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herr leuenberger, was ist ein gewissenskonflikt? > daniel costantino

interview mit rolf leuenberger, mitglied der zivildienstkommission des bwa


dc - herr leuenberger, wie sind sie in die zivildienstkommission gekommen?

r.l. - das damalige biga hat per inserat leute gesucht quer durch alle schichten, vom handwerker über den lehrer, den buchhändler, den pfarrer. ich bezeichne mich immer ein bisschen als den quotenhandwerker. es sind seither auch einige leute aus der politik dazugekommen. ich muss sagen, die berufe sind sehr breit gestreut, es gibt keinen parteienproporz wie sonst in kommissionen üblich. meine motivation, mich zu melden, war, dass ich zu einer gewissen entkriminalisierung jener leute beitragen wollte, die nicht militärdienst machen wollen. ich habe es immer falsch gefunden, dass jemand, der mit dem militär probleme hatte, gleich als krimineller dagestanden ist. ich wollte mithelfen, dass die leute einen anständigen weg gehen können. selber blicke ich nur auf eine 11-tägige rs-erfahrung zurück. danach haben gesundheitliche probleme zur ausmusterung geführt. ich muss dazu sagen, dass ich nicht pauschal gegen das militär bin. ich bin der meinung, es sollen die gehen, die militär leisten wollen, die es mit sich vereinbaren können. den andern soll man die möglichkeit geben, den zivildienst zu leisten. aber zurück zu meinem werdegang als kommissionsmitglied: das biga hat eine vorauswahl getroffen, ich wurde zu einem ersten gespräch mit einem sachverständigen aufgeboten. ich musste über meine beweggründe auskunft geben, sie haben geprüft, ob die fähigkeiten vorhanden sind, mit gesuchstellern gespräche zu führen, also etwa einfühlungs -vermögen, differenziertes denken usw. nach dieser hürde fand ein zweites gespräch statt, mit herrn werenfels, dem leiter der abteilung zivildienst, und hernach wurde entschieden, mich zu nehmen. das ganze prozedere war für mich recht anstrengend. schliesslich wurden gut 60 leute aus über 2000 anmeldungen ausgewählt.


dc - wie wurden sie dann eingeschult?

r.l. - in einem dreitägigen seminar. erst ging es um die rechtliche situation, dann war ein filosof dabei,der uns die gewissensproblematik erläutert hat, auch journalisten waren gekommen, als es um fragetechniken ging. die haben uns erläutert, wie man fragen angehen kann, temen anschneiden kann.


dc - war von den alten militärrichtern auch jemand dabei?

r.l. - nein, gar nicht. wir hatten ein einziges mal mit dem militär direkt zu tun, in einem späteren seminar anlässlich eines podiumsgespächs, da war der ehemalige oberauditor der armee dabei. ansonsten stehen wir mit dem militär sogar eher ab und zu auf kriegsfuss.


dc - haben sie die möglichkeit gehabt, die eigentliche anhörung zu üben?

r.l. - ja, wir haben mit leuten üben können, die schon ein militärgerichtsverfahren hinter sich hatten. mit denen konnten wir anhörungen proben. wir haben auch geübt, uns nicht von sympatien und antipatien leiten zu lassen und wie man sich auf ein gespräch vorbereitet. das haben wir dort gelernt. heute kriegen wir die gesuche vor der anhörung nach hause geschickt, ich nehme mir da schon zum persönlichen studium viel zeit, und sitzen dann in der kommission mindestens eine halbe stunde lang über das jeweils folgende gesuch und gespräch zusammen.


dc - haben sich eingespielte teams gebildet oder werden sie immer mit andern kolleginnen und kollegen zugeteilt?

r.l. - die einteilung erfolgt bewusst zufällig. ich bin von anfang an dabei und treffe immer noch auf kolleginnen und kollegen, mit denen ich noch nicht zusammengesessen bin. man bleibt nur für einen bestimmten anhörungstag zusammen in der selben gruppe. so kann es eben keine eingespielten teams geben und keine routinemässig eingelaufene sache. ich finde es gut so.


dc - was würden sie einem jungen mann empfehlen, der ein zivildienstgesuch stellen will?

r.l. - das meines erachtens wichtigste ist, dass er sich gut vorbereitet. dass er sich hinterfragt. nicht dass er einfach an die anhörung kommt, sagt, er könne das militär nicht mit seinem gewissen vereinbaren, er könne keine gewalt anwenden - und fertig. dann wird es auch für uns sehr schwierig.


dc - wenn man sich auf der strasse umhört, und auch wenn man gewisse zeitungsberichte liest, kann schon der eindruck entstehen für einen zivildienstwilligen, es gebe ja jetzt eine lösung für das militärproblem, man brauche ja nur ein gesuch zu stellen und an die anhörung zu kommen, das sei ja heute viel einfacher als früher.

r.l. - wenn einer nur die bewussten sätze sagt, die ja so auch im gesetz stehen und die auch wichtig sind, aber einfach aus dem zusammenhang gerissen, ohne weiteren persönlichen bezug dazu, sind es für uns nur schlagwörter. es ist für uns entscheidend zu sehen, wie fundiert die argumentation ist, woher sie kommt, womit sie zusammenhängt. hat einer das auf einer grafitti an der hauswand abgelesen oder hat ihm ein kollege gesteckt, er müsse das und das erzählen, oder steckt da mehr dahinter. es gibt andrerseits aber auch ab und zu gesuchsteller, die einfach mühe haben sich zu äussern, es sind ja auch sehr intime persönliche gespräche, und wer ein guter schreiber ist, muss noch kein guter redner sein. da sind wir nun sehr darum besorgt, ihn aus der reserve zu locken. es kommt durchaus vor, dass wir nicht nur eine, sondern anderthalb oder zwei stunden dranbleiben, wenn wir das gefühl haben, es hätte einer wirklich was zu sagen, aber es ist nicht einfach für ihn, es zu sagen. wir wollen prinzipiell jedem gesuchsteller helfen sich zu artikulieren, wir wollen, dass er sagen kann, was sache ist.


dc - was hat ein gesuchsteller falsch gemacht, wenn sie nein sagen müssen?

r.l. - wenn ich das gefühl habe, jemand bringt mir ein wunderschönes konstrukt aus dem lehrbuch, das bei ihm aber nirgends verwurzelt ist, dann kriege ich probleme. wenn das, was er sagt, nicht wirklich ihm gehört. ich muss spüren, dass einer das, was er sagt, verinnerlicht hat. er kann mir nicht eine allgemeingültige filosofie vorlegen, die für ihn gar nicht stimmt. damit habe ich mühe. die ganze argumentation muss eine bestimmte tragweite für ihn haben, darf kein vorgetragener schöner aufsatz sein. oder, was noch schlimmer ist: wenn ich den eindruck habe, angelogen zu werden. das ist schon vorgekommen. wenn etwas gefragt wird und eine entsprechende antwort kommt, und dann kommt das gespräch ein bisschen später wieder in die selbe richtung, und nun hört man aber etwas ganz anderes. oder wenn mir nach dem munde geredet wird. wenn jemand etwas nur sagt, damit ich zufrieden bin. das ist ganz schlecht. und es schmerzt mich, zu merken, jetzt überlegt einer, was ich gerne hören würde. es kann überhaupt nicht darum gehen, was ich am liebsten hören würde.es geht einzig darum, was er zu sagen hat. es kann sogar einer eine filosofie vertreten, die mir völlig abgeht, das spielt keine rolle, ich bewerte das nicht. ich bewerte nicht, ob beispielsweise ein sektenangehöriger einer guten oder schlechten sekte angehört, das ist mir egal. mich interessiert nur, wie weit ihn selber das, was er vertritt, beeinflusst.


dc - es gibt aber doch dinge, die einer am besten nicht sagt, zum beispiel, die armee brauche es gar nicht mehr und sowieso koste sie viel zu viel geld!

r.l. - es muss um einen gewissenskonflikt, nicht um einen materiellen konflikt gehen und nicht um nützlichkeitsüberlegungen. die beiden genannten temen sind heikel, das stimmt, da geht es stark ins politische hinein.


dc - es hat aber bei einführung des zivildienstes vor anderthalb jahren geheissen, politische gewissensgründe seien mit diesem gesetz nun möglich, anders als bei den militärgerichten, wo sie per definitionem ausgeklammert waren.

r.l. - es bleibt ein heikler bereich. es kommt immer drauf an, wie fest die gründe verankert sind. auf welcher ebene. es darf nicht nur teorie sein. die gewissensgründe müssen in den handlungen des gesuchstellers ihren niederschlag finden. stellen wir uns einen ganz normalen nullachtfünfzehnbürger vor, der sehr standartmässig lebt. der sagt uns nun, aus politischen gründen sei das militär nicht mehr nötig. das militär brauche es nicht mehr, und darum habe er einen gewissenskonflikt. der wird damit relativ grosse probleme haben. aber wenn sich einer sehr stark engagiert, sagen wir im sozialwesen, im umweltschutz und dem ganzen drum und dran und die ablehnung der armee zu seinem ganzen weltbild gehört, dann sieht es wieder anders aus.


dc - was man ja immer noch als politisch betrachten könnte; der sagt vielleicht, die armeen müssen weg, der globale schaden, die globale zerstörung, die sie anrichten, ist viel zu gross.

r.l. - ja, aber nun gehört seine argumentation zu seinem ganzen weltbild, zu seiner ganzen lebensart. es ist einfach mit diesen gründen relativ heikel.


dc - recht grosse probleme bekunden die gesuchsteller aber häufig gerade damit, dass sie zeigen müssen, wie sich ihre haltung auf ihr ganzes leben auswirkt. da hat doch ein zwanzigjähriger eher mehr mühe als ein älterer.

r.l. - sicher, ja...


dc - und einer, der im büro arbeitet, hat auch die grössern probleme damit als einer, der krankenpfleger ist!

r.l. - würde ich so eigentlich nicht sagen. es ist oft erstaunlich, und wir sind oft selber überrascht, wie von leuten, von denen man es kaum erwartet, zum teil sehr überzeugende aussagen kommen, wo man wirklich merkt, die haben sich gedanken gemacht. die haben sich echt damit auseinandergesetzt. und dies ist einer der wichtigsten schritte: sich damit auseinanderzusetzen. es reicht nicht, eines schönen tages zu sagen, ich will nun zivildienst machen, halt ein gesuch zu schreiben, sich vielleicht beim formulieren ein paar gedanken zu machen und die post abzuschicken und auf sich beruhen zu lassen und sich allenfalls ein halbes jahr später auf der hinfahrt zur anhörung im zug noch das eine oder andere zu überlegen.


dc - schwierig wird es auch, wenn jemand die atmosfäre im dienst nicht aushält, die sinnlosigkeit der abläufe, hetzen und dann lange herumhängen, das erdulden von schikanen, von bevormundung, von strafen - subsummiert: den "dienstbetrieb" nicht auf die rolle kriegt. ich sehe eine gefahr, wenn ihnen das einer erzählt.

r.l. - das ist eine gefahr. das ist effektiv eine gefahr, dass dann das bild der sogenannten insubordination auftaucht. wobei ich aber auch sagen muss: wir gehen grundsätzlich bei jedem am anfange davon aus, dass er tatsächlich einen gewissenskonflikt hat und suchen ihn auch zu ergründen, beziehungsweise zu vertiefen. wenn einer schreibt, er habe auch mit dem dienstbetrieb probleme, sagen wir nicht zum vornherein, es hat eh keinen sinn, den nehmen wir nicht. wir versuchen's, wir wollen herausfinden, woher diese probleme kommen. wieso kann er nicht wie die andern trotzdem militärdienst leisten, denen es auch stinkt.


dc - wobei diese argumentation für einen psychiater vielleicht ausreichen würde, dass er ihn untauglich schreibt...

r.l. - das stimmt. grenzfälle sind ein grosses problem. aber wir können nicht viel tun, wir haben keine befugnisse, ausserhalb des gesetzlich vorgegebenen rahmens zu entscheiden.


dc - wie sieht das profil eines gesuchstellers aus, der für sie einen gewissenskonflikt hat? was braucht es, um sie zu überzeugen?

r.l. - es muss mir einer seinen gewissenskonflikt schlüssig darlegen können. es darf keine unge-reimtheiten drinhaben. keine massiven widersprüche. einer hat mir zum beispiel einmal gesagt, er dürfe angreifen, wenn es sich um sein eigenes hab und gut handelt, das er verteidigen will. das ist ja das, was das militär gerade macht!


dc - wie steht es mit der notwehrfrage?

r.l. - notwehr finde ich legitim. das ist keine frage, auf der wir lange herumreiten. von uns aus kommt sie gar nicht aufs tapet, es kann sich aber einmal aus dem zusammenhang heraus ergeben, wenn sie vom gesuchsteller selber angesprochen wird.


dc - zurück zur schlüssigen darlegung des gewissenskonfliktes: ich sage mal, schlüssig heisst, es muss plausibel sein, dass...

r.l. - richtig, plausibel ist gut!


dc - ...einigermassen logisch, das heisst, in der argumentation konsequent...

r.l. - richtig, verinnerlicht muss es sein! es muss von ihm kommen, aus ihm selber heraus.


dc - was passiert, wenn die sitzung zu ende ist?

r.l. - wir drei kommissionsmitglieder arbeiten zusammen mit der person des bwa die ganze vorangegangene stunde nochmals durch. wir diskutieren und tauschen unsere eindrücke aus.


dc - aufgrund eines planes?

r.l. - aufgrund eines leitfadens. der dient uns hauptsächlich am schluss zur formulierung des antrags. wir müssen jeden antrag ans bwa begründen. wir entscheiden ja nicht selber. wir schreiben sicher eine seite begründung.


dc - und die person des bwa diskutiert auch mit?

r.l. - ja, sie hat eine beratende funktion. den entscheid, wie der antrag formuliert wird, treffen wir. ich empfinde die hilfestellung und beratung der sachverständigen als äusserst hilfreich. ich selber bemühe mich immer sehr, mich auch in dieser beratungsstunde richtig in den gesuchsteller hineinzuversetzen. nach einem ganzen anhörungstag bin ich jeweils ziemlich erledigt.


dc - was halten sie denn eigentlich von diesem zivildienstgesetz, das keine freie wahl zulässt, wo sie von der kommission bei einem zwanzigjährigen, der gerne bereit ist, 15 monate im öffentlichen interesse zu arbeiten, herumnörgeln müssen?

r.l. - ich finde, wir haben nicht die ultimative lösung. für mich wäre die beste lösung die wahlfreiheit. oder sagen wir etwa, die "deutsche lösung", in deutschland gibt es ja de facto die wahlfreiheit. dort müssen die leute zwar immer noch ein gesuch schreiben, aber nur in ausnahmefällen kommt es zu anhörungen.


dc - was mich von ihnen interessieren würde, sie sind ja von anfang an dabei: in den ersten monaten wurden 93% der anträge gutgeheissen, mittlerweile ist man auf einen schnitt von unter 80% herabgesunken. wie erklären sie mir das?

r.l. - ich persönlich habe es so mitbekommen: anfangs haben wir gesuche behandelt, die auf den stichtag eingereicht wurden von leuten, die lange auf den zivildienst gewartet und sich dementsprechend intensiv damit auseinandergesetzt haben. zum teil waren auch leute dabei, die noch mit der militärjustiz zu tun hatten, die also noch gefängnis auf sich genommen hätten, die hatten ein massives problem. es war wie eine gewisse vorselektion. entsprechend hoch war deshalb auch die zulassungsquote. das ist jedenfalls mein gefühl, ich habe es so erlebt. zweitens kam dann die fase kurz vor der ersten rs, die in das zivildienstgesetz fiel, da kriegten wir viele panikgesuche, knapp vor ablauf der dreimonatefrist eingereicht. da haben wir zum teil schon gemerkt, dass sich einige nicht viel dazu überlegt hatten und quasi auf diese weise versucht haben, die rs hinauszuschieben, nach dem motto: vielleicht klappt es ja. und ein wichtiger faktor ist drittens: wir haben auch dazugelernt, wir sind weiterhin intensiv geschult worden, und die messlatte wurde höher gelegt.


dc - das deckt sich mit meinem eindruck, wenn ich die ablehnungsentscheide neueren datums lese.plötzlich tauchen da wieder ausdrücke wie "gewissenskonflikt" oder "schwere gewissensnot" auf, das habe ich im ersten halben jahr nie gelesen. da war einfach nur von "gewissensentscheid" die rede. klar und deutlich ist neuerdings auch zu lesen, eine reine überzeugung, die im übrigen nicht angezweifelt werde, reiche nicht aus.
r.l. - nun, es lässt sich etwa so sagen: wir haben natürlich alle gewissermassen dumm angefangen. es waren noch wenige kenntnisse vorhanden. entsprechend mussten wir die protokolle aufarbeiten, um zu einem gemeinsamen nenner zu gelangen. damit auch eine gewisse rechtsgleichheit gewährleistet ist. dann sind uns auch gewisse kriterien neugegeben, beziehungsweise alte ausgeweitet worden, nach denen wir zu entscheiden haben. zum beispiel die verankerung im leben. über gewisse argumente wurde diskutiert, ob sie ausreichen, wirklich ausreichen oder eben nicht. wir hatten schon mehrere seminare, in denen es um diese dinge ging. man kann ja eben den gewissensentscheid nicht klar formulieren.


dc - es scheinen gegenseitig gespenster ihr unwesen zu treiben. unser gespenst heisst, die kriterien seien aus politischen gründen verschärft worden, sie dürften deshalb nicht mehr so viele antragsteller zulassen. das gespenst des bwa und vielleicht einiger kommissionsmitglieder heisst, dass wir von den beratungsstellen zuviel anhörungen trainierten, dazu hat sich jedenfalls herr werenfels negativ geäussert, und dass wir sehr darauf bedacht seien, den leuten die richtigen antworten einzubläuen, das habe ich von zwei frauen aus der kommission gehört. wir haben also den verdacht, auf die kommission werde druck ausgeübt, nicht soviele leute mehr zu nehmen. würden sie das bestreiten?

r.l. - nun, es ist so: es war mal die rede von einer quote. das stand irgendwie im raum. da hat sich die kommission gesamthaft dagegen gewehrt. das war das gespenst, das durch die kommission hindurchgegangen ist. ich weiss nicht, wie es kam, jedenfalls geisterte es umher. wir haben geschlossen gesagt, eine quotenregelung akzeptieren wir nicht, ganz klar. nachher hiess es dann, es sei gar nie die rede davon gewesen. da haben wir gesagt: o.k., dann haben wir jedenfalls mal profilaktisch unsere meinung gesagt. mir ist also kein numerus clausus bekannt.


dc - die militärjustiz hat es über jahrzehnte geschafft, zwischen 32% und 35% der verweigerer einen gewissenskonflikt zuzugestehen. die haben immer bestritten, eine quote zu haben. dann plötzlich, mit dem arbeitsdienst, gab es auf einmal 60% gewissensverweigerer, auch ohne quote. würde mich nicht wundern, wenn ihre 77% mit zwei oder drei punkten abweichung nun lange bestand hätten...

r.l. - wir müssen aufpassen: es gibt im moment noch massive schwankungen. man kann noch keine aussagen machen, wo es sich einpendeln wird. im tessin gibt es zum beispiel eine massiv höhere ablehnungstendenz (40%). es ist wirklich noch zu früh zu sagen, wie das in zukunft aussehen wird. irgendwo wird es sich aber bestimmt einpegeln.


dc - andere druckversuche, mit ausnahme der genannten gespensterepisode, erlebten sie nicht?

r.l. - einfach insofern, dass die kriterien ausgeweitet wurden, die vom bwa an uns gehen, und dadurch die hürde doch höher wird.


dc - woher hat das bwa diese kriterien?

r.l. - das weiss ich nicht. (pause) ich weiss nicht, ob man von druckausübung reden sollte, oder ob das einfach nur ausdruck des lernprozesses ist, in dem wir stecken.


dc - herr leuenberger, wie stehen sie persönlich zur arbeit der beratungsstellen?

r.l. - ich habe sehr gerne leute, die bei einer beratungsstelle waren. ich habe überhaupt nicht das gefühl, die wollten uns linken oder brächten verfälschte antworten. im gegenteil! man hat bei denen das gute gefühl, sie sind vorbereitet, sie wissen, dass dies die entscheidende stunde ist, wo sie was herausholen können. wenn einer sich nämlich gut vorbereitet hat, und da sehe ich die arbeit der beratungsstellen als wichtig an, dann wird für uns sein gewissenskonflikt auch schnell einmal greifbarer, als wenn einer sich die sache nicht zweimal überlegt hat.

dc - aber verstehen sie, dass beim recht schlechten informationsstand in der breiten bevölkerung über das zivildienstgesetz halt weniger tiefgründig argumentiert wird? wenn etwa die meinung aufkommt, heute könne man ja etwas viel sinnvolleres tun als militär, dass dann schnell einmal das tema der anschiss im militär ist, die schlechte atmosfäre, das schräge männlichkeitsbild, der leerlauf, das geld und überhaupt!
r.l. - ja, und aus diesem grunde rate ich auch jedem, sich in irgendeiner weise beraten zu lassen. ich denke, die viel höheren ablehnungsquoten aus dem tessin und aus der romandie sind darauf zurückzuführen, dass diese leute schlechter beraten sind, sich nicht genügend beraten lassen, worum es hier überhaupt geht. es gibt aber auch bei den deutschschweizer gesuchstellern heute noch solche, die meinen, sie hätten die wahl. das gibt es tatsächlich noch! und wir müssen dann sagen, es tut uns leid...
aber, was viele nicht wissen: es kann einer natürlich sofort ein zweites gesuch einreichen, wenn er abgelehnt wird.


dc - und das ist dann tatsächlich plausibel?

r.l. - er kann natürlich nicht dasselbe gesuch nochmals schreiben, sonst wird nicht darauf eingetreten.


dc - aber er kann also schreiben, was ich vorher geschrieben habe, ist zwar alles richtig und stimmt, aber ich habe nicht gewusst, dass ich ihnen die tiefern zusammenhänge erklären muss, ich dachte, es wäre einfacher?

r.l. - es wäre zu versuchen. ich kenne die hürde in der vorselektion nicht genau.


dc - der ideale gesuchsteller wäre jemand, der sich sehr viele gedanken gemacht hat, aber auch einer, der sich ich sage mal über seine emotionen im klaren ist?

r.l. - ja, das problem kennen wir. wir wissen, dass sich männer im allgemeinen schwertun, wenn es um ihre gefühle geht. dies ist sicher auch ein grund, dass es viele frauen in der kommission hat.


dc - sie verlangen nicht nur eine intellektuelle argumentation.

r.l. - richtig, es ist für uns sehr wichtig zu sehen, wie eine person, die vor uns sitzt, mit dem schriftlichen gesuch übereinstimmt, das ja teoretisch irgendwer geschrieben haben könnte. gehört das alles wirklich zu ihm, ist es seine welt, die er da beschreibt, sind es seine gedanken, die er äussert. wir suchen diese bestätigung, wir suchen auch die vertiefung der gründe in der anhörung.


dc - hatten sie nach einer anhörung auch schon das gefühl, sie hätten sich falsch entschieden?

r.l. - ich war schon zwiespältig nach einer anhörung, konnte nicht klar ja oder nein sagen. das hat es schon gegeben. in so einem fall gilt für mich: im zweifel für den angeklagten. ich bin auch schon 2:1 überstimmt worden und war nicht ganz einverstanden, aber ich musste mich der übermacht fügen mit dem kleinen trostpflaster, dass der gesuchsteller ja rekurs einlegen könne.


dc - ist für sie ein punkt vorstellbar, an dem sie sagen müssten: jetzt mach ich das nicht mehr?

r.l. - durchaus.


dc - wo wäre dieser punkt?

r.l. - er wäre sicher dann erreicht, wenn von oben herab eine quote angeordnet würde. dann wäre der zeitpunkt gekommen aufzuhören. ich muss, wenn ich dieses freiwillige nebenamt ausübe, meine entscheidungsfreiheit haben. sonst bringt es mir nichts mehr. ich würde mich nicht unter druck setzen lassen. wenn ich nicht mehr nach meinem gewissen sagen könnte, zivildienst ja oder nein, weil der druck von oben zu stark geworden ist, dann müsste ich aufhören.


dc - diesem bereich sind sie aber noch nicht nahegekommen?

r.l. - (lange pause)
es schwankt. es schwankt zuweilen. es gibt gewisse richtlinien und kriterien, mit denen ich mich nicht mehr hundertprozentig einverstanden erklären kann.


dc - welche?

r.l. - dazu will ich mich hier nicht äussern.


dc - versuchen wir, ein résumée zu ziehen - was, herr leuenberger, ist ein gewissenskonflikt?

r.l. - (sehr lange pause) eine ganz schwierige frage! was ist ein gewissenskonflikt! ich versuche es häufig in den anhörungen so darzustellen: wir haben aus der einen seite den gesuchsteller, auf der andern seite das militär. das, was den gesuchsteller daran hindert, den militärdienst zu leisten, ist der gewissenskonflikt, und zwar dann, wenn der gesuchsteller eine für ihn selber unbedingt gültige norm verleugnen oder unterdrücken müsste, wenn er ins militär geht. einfaches beispiel: ich kann mich nicht zum töten ausbilden lassen. wenn diese norm so wichtig ist, dass körperliche oder psychische schäden auftreten würden, wenn einer ins militär ginge. das ist ein gewissenskonflikt. können sie mir in etwa folgen?


dc - ich kann ihnen folgen.

r.l. - es ist ein bisschen verworren. wie definiert man ein gebilde namens gewissen?

dc - ab wann kann man von psychischem schaden sprechen im hinblick auf - ja, was ist denn eigentlich der hinblick? die rs, der wk oder erst der kriegsfall? die einen sagen doch, sie könnten es gar nicht vertreten, dass eine armee überhaupt bereitgestellt wird, um mögliche konflikte zu lösen, andere, sie würden im ernstfalle nicht töten können.
r.l. - ja, das ist eine nuance. aber irgendwo würden beide einen schaden davontragen. ich sage: wenn jemand etwas in sich stark verleugnen müsste, ginge er ins militär, entsteht hier ein gewissenskonflikt.


dc - nehmen wir einen jungen idealisten, dem ist das militär gegen seine natur, er denkt und spürt und weiss, es kann doch zu nichts gutem führen, wenn ich im leben dinge gezwungenermassen tue, schon gar nicht,wenn viele das tun. es kann doch nicht um die freiheit in der schweiz gehen, wenn man wie ein hund abgerichtet wird im militär. überhaupt kann ich nichts dafür, hier geboren zu sein, vaterländer und grenzen sind absolut künstliche einrichtungen. darf er ihnen das in der anhörung erzählen?

r.l. - eher nicht...


dc - obwohl auch da viel kaputtgehen kann. es gibt doch noch dinge, die man ihnen trotzdem nicht sagen darf, die in ihrer definition eigentlich drinstecken.

r.l. - ja, es kann auch gegen den stolz gehen, gegen das, wofür man in seinem leben einstehen will. das hatten wir auch schon. das ist der märtyrertyp.


dc - so nennt sich das also!

r.l. - so nenne ich das. das ist meine bezeichnung für ihn. der steht nämlich bei uns überhaupt nirgends geschrieben, den gibt es eigentlich nicht, nirgends. ich will jetzt einfach zivildienst machen, weil ich es will. weil ich ein zeichen setzen will. so gut diese vorsätze sein mögen, sie reichen nicht aus. aber es kommt auch hier draufan: wenn das ein friedensaktivist ist, der sich zum beispiel in exjugoslawien engagiert, der einen ganz bestimmten lebensstil lebt, ein gefestigtes weltbild hat. der so lebt, dass das militär in krassem gegensatz dazu steht. da ist ein gewissenskonflikt wiederum möglich. man kann es nicht pauschalisieren. es kommt auf den einzelfall an.


dc - ich schliesse mich ihrer definition des gewissenskonfliktes, wie er vorgesehen ist, an. ich muss aber hinzufügen: es darf einer auf eine gewisse weise nicht kritisch sein, er darf eine gewisse autorität des staates nicht angreifen. er muss seine gründe in jedem fall erhöhen, wenn er nicht von gott sprechen kann, muss er dartun, dass eine andere ganz zentrale instanz in ihm vorhanden sei. wenn einer die staatliche autorität angreift, ihm befehlen zu dürfen, er müsse jetzt ins militär kommen, jetzt in den krieg ziehen - wenn einer diese verfügungskompetenz angreift, dann kriegt er in der schweiz gefängnis dafür.

r.l. - ich würde nicht so weit gehen. es sind einfach nicht die gründe, die laut gesetzgeber zu einer zulassung führen können. was sie vorher sagten von der höheren instanz: das finde ich gar nicht schlecht. das gewissen ist eben diese höhere instanz. das innere eines menschen.


dc - was denken sie, ist die zivildienstlösung schweiz mit diesem zulassungsverfahren etwas, was sich über zehn, zwanzig oder noch mehr jahre halten wird?

r.l. - ich hoffe es eigentlich nicht. ich sehe den enormen aufwand, der getrieben werden muss. wir haben schon jetzt 1500 pendenzen. ich kann mir vorstellen, dass die zulassung über kurz oder lang liberalisiert wird, ich hoffe es zumindest, vielleicht im sinne einer "deutschen lösung" oder anderswie.


dc - herr leuenberger, herzlichen dank für das gespräch.

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chance chavornay > lukas lüscher

vom militär zum zivildienst - ein reisebericht

chavornay sei eine chance für uns, meinte der oberleutnant gleich zu beginn. das kleine waadtländer bauerndorf südlich von yverdon war dazu auserwählt worden, während 12 wochen eine 150 rekruten umfassende kompanie der rekrutenschule von chamblon zu beherbergen. eine kaserne gab es da zwar keine, dafür jedoch ein grösseres haus und einen luftschutzkeller, worin ein drittel der rekruten (darunter auch der autor) platz finden sollten. auf dem hügel von chamblon sei kein platz mehr für uns, liessen die vorgesetzten verlauten. deshalb müsse man sich jetzt eben mit dieser - freilich nicht ganz so komfortablen - unterkunft abfinden. uns rekruten war eigentlich nicht ganz klar, worin diese chance denn bestehen sollte, von welcher der oberleutnant sprach, denn im reiseprospekt ("mitmachen") waren weiche betten und grosse aufenthaltsräume abgebildet gewesen, welche wir hier vergeblich suchten. im luftschutzkeller gab es verständlicherweise keine fenster. die belüftungsanlage sorgte allzeit für überfeuchte luft, und die betten (drei übereinander) verdienten ihren namen nicht. auch das bügelschloss hatten wir vergeblich mitgebracht, denn die persönlichen schränke fehlten ebenso wie sonstige gestelle zum verstauen der persönlichen ausrüstung. zwar gab es im haus eine küche, doch fehlte der esssaal, welcher im 10 fussmarschminuten entfernten buffet de la gare angemietet werden musste. duschen gab es zwar genügend, jedoch nur unten im keller, weshalb jeweils diejenigen zwei drittel der kompanie, welche über der erde wohnten, zu uns hinuntersteigen mussten.

es schien, als wäre der entscheid, unsere kompanie in chavornay unterzubringen, erst in allerletzter minute getroffen worden. dies erstaunt angesichts der tatsache, dass schon seit einem jahr bekannt war, wieviele rekruten in diesem jahr einrücken würden, und somit die auslastung der einzelnen kasernen ausführlich hätte analysiert werden können. meines wissens standen im selben sommer andere kasernen zur hälfte leer...

die grosse zahl an unannehmlichkeiten sorgte gleich zu beginn für eine nicht eben rosige stimmung, weshalb sich besagter oberleutnant dazu gezwungen sah, in die zukunft zu blicken und uns die chancen vor augen zu führen, welche sich uns anbieten würden. so sagte er z.b., wir kämen hier in den genuss einer gewissen freiheit, da wir uns fernab von der kaserne chamblon mit dazugehörigen scharfäugigen vorgesetzten befänden. auch werde die verlegung für uns keine grosse umstellung mehr bedeuten (allerdings!).

chavornay war ein beweisstück militärischer organisationskunst. die dringend benötigte infrastruktur liess lange auf sich warten. die zusätzlichen duschcontainer mussten erst von irgendwo aus dem oberland herangeschafft werden, während lokale handwerker sich daran machten, die wasserleitungen zu erstellen. die dürftig zusammengebastelten gestelle unten im keller ermöglichten keine ordnung im militärischen sinne, was den vorgesetzten anlass zu vermehrten materialkontrollen gab. im kommandobüro hielt man es ausserdem für sinnvoll, alle paar tage eine neue raumordnung ins leben zu rufen, wodurch am ende gar niemand mehr wusste, was wohin gehörte und überhaupt.

eine woche lang fand ich das schauspiel hin und wieder ganz amüsant. in der zweiten woche hatte ich meine meinung schon gänzlich geändert... allmählich wurde mir klar, dass ich vom aushebungsoffizier völlig falsch eingeteilt worden war. dieser hatte mich trotz meiner nicht übermässigen sportlichen leistungen an der aushebung als füsilier eingeteilt und mir versprochen, ich könne dann ganz bestimmt und meinen damaligen wünschen entsprechend fahrer werden, was sich später als unwahrheit erwies. die falsche einteilung war jedoch nur einer der gründe für meinen meinungswechsel...

das nun folgende prozedere in zusammenhang mit meinem ausscheiden aus der armee dauerte rund ein jahr und endete mit der aufnahme in den zivildienst. der weg führte über die verschiedensten stellen, angefangen beim psychologischen dienst der armee. die einzelnen stationen verdienen eine genauere betrachtung. es geht mir darum, die teilweise nicht ganz so professionelle beziehungsweise rechtlich nicht korrekte arbeitsweise der einzelnen stellen aufzuzeigen und kritisch zu hinterfragen. ausserdem möchte ich der frage nachgehen, aus welchen gründen menschen aus der armee ausscheiden und weshalb es nicht ganz einfach ist, einen gewissenskonflikt zu beweisen.

zurück nach chavornay... die militärische ausbildung hatte inzwischen voll eingesetzt, und mit ihr auch die ideologische unterrichtung der rekruten, wenn ich die teorielektion "feindbilder" einmal so nennen darf. was ich anlässlich dieser theorielektion zu hören bekam, hat mich in verschiedener hinsicht schockiert und mein bild von der schweizer armee entscheidend verändert: der dozierende major versäumte es nicht, seine eigenen feindbilder gleich zu den allgemeinen feindbildern der schweizer armee werden zu lassen. so behauptete er zum beispiel, die umweltschutzorganisation "greenpeace" sei eine "staatsterroristische organisation", womit er sie flugs in den gleichen topf warf wie die wirklichen terroristischen organisationen. ausserdem meinte er, terroristen würden in erster linie an den universitäten rekrutiert, womit auch ein kleiner seitenhieb gegen die ach so verhassten studenten vollzogen war. weiter liess er es sich nicht nehmen, seiner bewunderung für amerika (eine in der armee weitverbreitete neigung) ausdruck zu verleihen, indem er verkündete, amerika habe "sehr gute einsätze im ausland geleistet". die armee lässt es zu, dass irgendwelche leute ihre teilweise persönlichen und politisch höchst unkorrekten hassgefühle gegenüber leicht beeinflussbaren 20jährigen jugendlichen äussern können und dabei erst noch militärischen schutz geniessen, da jegliche auflehnung seitens der rekruten augenblicklich bestraft werden könnte. besonders in der heutigen zeit, wo die armee in ermangelung konkreter feindbilder nicht mehr so recht weiss, gegen wen sie ihre waffen eigentlich richten soll, kann teilweise gefährliches gedankengut unzensuriert und nach eigenem gutdünken zusammengestellt an die jugendlichen weitergegeben werden. diese tatsache erscheint mir nicht unproblematisch. die bereitschaft zur gewalt gegen einzelne gruppen von menschen (wie eben z.b. studenten oder umweltaktivisten) wird hier bereits gefördert. die armee hat sich mir nicht als eine sogenannt neutrale organisation präsentiert, welche zum schutze der eigenen bevölkerung aufrechterhalten wird, sondern vielmehr als eine organisation, welche versucht, ihre existenz durch heranziehen irgendwelcher fadenscheiniger feindbilder im in- und ausland zu rechtfertigen und dabei politisch völlig unkritisch vorgeht. ich finde es beängstigend, dass fähigkeiten, welche den kindern in der schule beigebracht werden, wie toleranz gegenüber anderen kulturen, bereitschaft zur kommunikation und friedensliebe, in der rekrutenschule teilweise wieder zunichte gemacht werden. in der armee wird den jugendlichen klar gesagt, wo die grenze zwischen freund und feind, zwischen gut und böse liegt. im militär erlernt man eine art freund-feind-denken, und damit die nuancen zwischen diesen beiden "extremen" zu vergessen. am ende spielt es nur eine rolle, ob man schiessen soll oder eben nicht. über all dem steht eine grundeinstellung, welche meiner ansicht nach die mutter aller gewaltsam ausgetragenen konflikte ist: der glaube daran, dass konflikte mit gewalt auch tatsächlich beigelegt werden können. solange dieser glaube aufrecht erhalten wird, besteht auch die bereitschaft vieler, auf andere leute zu schiessen. wenn wir gewaltsame konflikte vermeiden wollen, müssen wir demzufolge damit aufhören, jährlich tausende von jugendlichen in diesem sinne auszubilden. der erste schritt in richtung einer gewaltfreieren welt muss an diesem punkt getan werden, denn waffen sind erst dann nicht mehr gefährlich, wenn niemand mehr bereit ist, sie einzusetzen.

mir fiel es schwer, mich mit dem militärischen denken und dem militärischen umgangston anzufreunden. ich verstand nicht, weshalb es menschen nötig haben, sich von früh bis spät zu beschimpfen. noch weniger wollte es mir einleuchten, dass korporäle, welche kaum ein jahr älter waren als wir, freude daran fanden, die ihnen unterstellten rekruten zu schikanieren, um ihnen ihre überlegenheit zu beweisen. was bringt einen 21jährigen mann dazu, sich mit folgenden worten an seine 20jährigen kollegen zu wenden: "wenn ihr (während der übung) etwas trinken wollt, fragt ihr mich am besten zuerst, nicht dass ich euch dann links und rechts 'chläpfen' muss, bis ihr nicht mehr aufstehen könnt!" ich wollte nicht akzeptieren, dass menschen ungeniert so miteinander umgehen können. deshalb gelang es mir auch nicht "abzuschalten", wie es mir von verschiedener seite her empfohlen wurde. vielen kollegen ist es gleich gegangen. sie ertrugen dieses klima nicht. für mich war bald einmal klar, dass ich unter diesen umständen eine rs nicht absolvieren konnte. ich wollte auch nicht lernen, wie man andere menschen fesselt, ohnmächtig schlägt oder gar umbringt. besonders die ständige präsenz geistiger gewalt gab mir zu denken. gegen irgend jemanden richtet sich ja die schweizer armee, das wird niemand verneinen können. auch wenn zur heutigen zeit keine klar umrissenen feindbilder bestehen, sind für die militärischen übungen doch irgendwelche szenarien nötig. niemand wird sich im schiessstand oder auf der kampfbahn wohl vorstellen, er müsse gegen eine armee von aggressiv gewordenen gartenzwergen ohne seele antreten. es liegt vielmehr nahe, sich menschen vorzustellen, die einem hinter dem nächsten hügel auflauern ("und dann aus der deckung hoch und tac, tac, tac... und wieder in deckung...", zitat eines vorgesetzten). man denkt also schnell einmal an menschliche feinde, wenn man schiessübungen macht. auch wenn niemand offen sagt, die feinde wären zum beispiel die franzosen oder die russen, werden diese oder andere völker ohne weiteres gedanklich als feinde in betracht gezogen. das ist für mich die erwähnte geistige gewalt.

mit der inneren auflehnung gegen diese umstände begann eine schwierige zeit, denn es war nicht vorgesehen, dass man sich in irgendwelcher weise gegen den militärischen betrieb auflehnte. der entscheid, aus der rekrutenschule auszutreten, erfolgte in der zweiten woche, wobei ich kurz darauf selbst noch einmal einen versuch machen wollte, doch weiterzufahren. ab der dritten woche war mir jedoch klar, dass der austritt unumgänglich war. zu diesem entscheid war es eindeutig während der rekrutenschule gekommen, denn eingerückt war ich mit einer einigermassen neutralen einstellung nach dem motto "rs absolvieren - ja, weitermachen auf keinen fall!". natürlich war mir von vornherein klar, dass es mir aus den bereits erwähnten gründen in der armee nicht sonderlich gefallen würde. dennoch zeigte ich, in unkenntnis der wirklichen umstände, anfänglich die bereitschaft, den militärdienst zu absolvieren. um so schwieriger wurde es deshalb für mich, den vorgesetzten glaubhaft darzulegen, aus welchen gründen es mir dennoch nicht möglich war, die rs zu beenden. mit jeder positiven willensäusserung legt man sich selber steine in den weg. wer nicht von anfang an nein sagt zur armee, wird erst an jenem tag entlassen, an dem er dienstunfähig wird. der weg bis zu diesem punkt ist alles andere als angenehm.

vom militärpsychologen erhoffte ich mir hilfe. doch dieser schien nur wenig verständnis für einen rekruten zu haben, der den militärischen betrieb nicht mehr ertrug. vielmehr sah er seine aufgabe darin, mich wieder aufs militärische gleis zurückzubringen und mich darauf hinzuweisen, dass ich lediglich keinen willen mehr hätte weiterzumachen. ausserdem erklärte er, dass es auch zu seiner zeit leute gegeben habe, die mühe mit dem militärischen betrieb gehabt hätten und die man trotzdem irgendwie "mitgeschleift" habe. nur schon der gedanke an dieses "mitschleifen" schien mir grauenhaft. nach der 15-minütigen unterredung war ich keinen schritt weiter gekommen, sondern zweifelte noch mehr daran, ob ich jemals rauskommen würde. der psychologe versicherte mir auch noch, dass mir sein "gutachten" vor späteren kommissionen eventuell nicht nur vorteile bringen werde. wenn ich wirklich austreten wolle, müsse es mir erst einmal ein bisschen schlechter gehen...

in den kommenden tagen machte mir vor allem die angst zu schaffen. ich befürchtete, in eine lage zu geraten, in welcher ich mein gewehr nicht mehr beherrschen würde und es somit zu einem unfall kommen könnte. in der tat wäre dies bei dem schlafmangel auch kein wunder gewesen. viele militärunfälle sind die folge von übermüdung. es ist mir heute noch nicht klar, weshalb die ruhezeiten in der armee bewusst dermassen tief gehalten werden (bei uns waren es 5 stunden pro nacht). ich sprach mehrmals beim truppenarzt vor, welcher einiges verständnis aufbrachte. trotzdem wurden übermüdung und psychostress immer schlimmer. ich erlebte viele situationen, in welchen wir stundenlang warten mussten und anschliessend wieder von einer minute auf die andere körperliche höchstleistungen hätten erbringen sollen. einmal gelang es mir nicht mehr, dem laufschritt des zuges zu folgen. als ich zu einem begleitenden korporal sagte, ich könne nicht mehr schneller gehen, meinte dieser nur, der mensch wäre zu viel mehr fähig, als er selber glauben würde.

bald darauf - die vierte woche ging ihrem ende zu - wurde ich vom felddienst dispensiert, da es mir nun offenbar schlecht genug ging. anfänglich kam es niemandem von den vorgesetzten in den sinn, sich um meine weitere zukunft zu kümmern. schliesslich durfte ich während eines verlängerten wochenendurlaubs einen privaten psychiater besuchen. nun forderten auch die vorgesetzten eine klärung der sachlage. mit einem ärztlichen attest, in welchem die notwendigkeit weiterer abklärungen erwähnt wurde, rückte ich in der fünften woche wieder ein und konnte dieses, nachdem ich wiederum einige zeit gewartet hatte, dem truppenarzt überreichen. darauf ging alles ziemlich schnell. schon bald wurde mir mein entlassungstermin mitgeteilt. der tag der entlassung lag nun recht nahe, wäre da nicht noch die geschichte mit meinen militärschuhen gewesen. vermutlich auf grund eines fehleintrags im zeughaus stimmte die nummer im dienstbüchlein (eine ziffer davon) nicht mit derjenigen in den schuhen überein, worauf ich (fälschlicherweise, wie sich später herausstellte) dazu aufgefordert wurde, für das sogenannt fehlende paar schuhe 260 franken bar zu bezahlen. da ich nicht soviel geld bei mir hatte und auch über keine postcard verfügte, wurde mir die entlassung verweigert. ich könne zwar schon nach hause fahren und das geld holen, wenn ich wolle, doch müsse man mir dann umgehend die heerespolizei hinterher schicken, liess der feldweibel verlauten. es gab nur eine lösung: jemand musste nach chavornay fahren und das geld bringen, was mein vater letztlich gegen ende der fünften woche tun musste. damit endete meine militärische karriere.

im oktober desselben jahres hatte ich vor der untersuchungskommission zu erscheinen. mittlerweile hatte der private psychiater auch ein gutachten ausgearbeitet, welches der kommission vorlag. der wortführer trug einen kampfanzug (zur einschüchterung?) und schien seine meinung gefasst zu haben, noch ehe ich den raum betreten hatte. die "unterredung" dauerte fünf minuten. nachdem mein gutachten als "ungenügend" abgetan worden war, wurde mir sogleich die frage gestellt, ob denn nicht der zivildienst etwas für mich wäre. dies konnte ich natürlich nicht verneinen, da ich ja jeden weiteren militärdienst vermeiden wollte. im anschluss wurde mir eine dokumentation zum zivildienst ausgehändigt, womit ich wieder entlassen war. das vorgehen der untersuchungskommission erschien mir höchst unprofessionell. die untersuchungskommission hat ihre eigentliche aufgabe, nämlich meine tauglichkeit zu überprüfen, nicht richtig wahrgenommen. zu einer fachgemässen beurteilung wäre zweifelsohne eine befragung notwendig gewesen. es ist durchaus möglich, jemanden allein aufgrund eines psychiatrischen gutachtens auszumustern. dass jedoch ein ehemaliger rekrut trotz gutachten ohne persönliche befragung weiterhin als tauglich eingestuft wird, ist fragwürdig. die ablehnung meines gutachtens, worin meine ausmusterung empfohlen wurde, geschah zweifelsohne willkürlich.

in diesem zusammenhang möchte ich auch noch einen gesetzlichen sachverhalt ansprechen, der mir als absurd erscheint. das gesetz schreibt vor, dass ein zivildienstleistender militärdiensttauglich zu sein hat. damit wird im prinzip stillschweigend angenommen, dass ein militärdienstuntauglicher auch nicht zivildiensttauglich ist, obwohl dies in der praxis kaum je der fall sein dürfte. nach dem oben beschriebenen, militärischen ausmusterungsverfahren kann es nun durchaus sein, dass ein rekrut aufgrund eines psychiatrischen gutachtens oder wegen anderer gründe als untauglich eingestuft wird und somit dem zivilschutz zugeteilt wird, während ein anderer, welcher aus den genau gleichen gründen nicht militärdienst leisten kann, weiterhin als tauglich eingestuft wird und somit zivildienst zu leisten hat. obwohl beide gleichermassen fähig sind, zivildienst zu leisten, werden sie somit zwei grundverschiedene wege gehen: der eine leistet einen (zweifelsohne sinnvollen) dienst, welcher die anderthalbfache dauer des normalen militärdienstes beträgt, während der andere lediglich alle paar jahre einige wenige tage zivilschutz zu leisten braucht. überhaupt ist es seltsam, dass zivildienstleistende in dem sinne "bestraft" werden, dass ihr dienst das anderthalbfache des normalen militärdienstes dauert, obwohl sie ja dem staat einen in meinen augen mindestens gleichwertigen dienst erweisen, welcher somit auch nicht länger zu dauern brauchte. offenbar wird der zivildienst in weiten kreisen nach wie vor als minderwertig und der zivildienstleistende als vaterlandsverräter betrachtet, welchem man heute gnädigerweise eine alternative zum militärdienst gewährt, während man ihn früher für einige monate hinter gitter geschickt hätte.

kurz nach dem entscheid der untersuchungskommission reichte ich ein gesuch um zulassung zum zivildienst ein. gleichzeitig rekurrierte ich auch gegen den uc-entscheid, um mich gegen eine eventuelle wiedereingliederung in die armee abzusichern. dieser rekurs blieb bis heute unbeantwortet! neun monate später wurde ich zur gewissensprüfung der zivildienstabteilung des bwa eingeladen. wenige tage danach war es endlich soweit: vom bwa erhielt ich bescheid, dass mein gesuch gutgeheissen worden sei.

an der gewissensprüfung müssen die zivildienstanwärter unter anderem glaubhaft darlegen, weshalb sie sich in bezug auf die militärdienstleistung in einem gewissenskonflikt befinden. diese aufgabe ist nicht lösbar, sofern man sich nicht in einen gewissen idealismus flüchten kann. niemand kann leugnen, dass es kriege gibt und dass man sich gegen die damit verbundenen greuel schützen muss. aber es gibt mehrere möglichkeiten, sich gegen gewalt zu wehren. wir können, wie es die armee tut, gewalt mit gewalt bekämpfen. wir können aber auch versuchen, die gewalt dadurch einzuschränken, indem wir ihrer entstehung entgegenwirken. der zweite weg setzt auf einer tieferen stufe an, dort wo die bereitschaft zur gewaltanwendung entsteht und sich die frage stellt, ob man gewalt anwenden soll oder nicht. er mag in einem gewissen sinne idealistisch sein, doch letztlich können wir kriege nur vermeiden, indem wir den frieden wollen. und den frieden erreichen wir wohl kaum mit einem sturmgewehr in der hand.

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interview mit dem psychiater hansueli leuzinger > daniel costantino / joachim ehrismann

... über seine tätigkeit als privater gutachter bei psychischen schwierigkeiten mit dem militärdienst.

hansueli leuzinger arbeitet in zürich. er ist einer der ganz wenigen psychiater, die sich bereit erklären, öffentlich über ihre gutachtertätigkeit bezüglich militärdienst zu sprechen.


dc/joe - hansueli, du schreibst gutachten für leute, die vom militär wegkommen wollen.

hl - nun, es ist ein teil meiner arbeit seit 20 jahren. manchmal gibt es mehr leute, die in dieser hinsicht etwas von mir wollen, dann wieder weniger. bei rs-beginn sind es natürlich mehr, die kommen wollen. ich habe mich schützen müssen, weil ich einen bestimmten namen habe hier in zürich. ich kenne die beratungsstelle für militärverweigerer zürich, und man kennt mich dort. ich werde von dort empfohlen. und ich habe vor jahren schon grundsätzlich eine sperre eingelegt. ich beschränke mich seither auf jene, die schon rs- und wk-erfahrungen haben. die sind in einem anderen leidenszustand. jemand, der vor der rs steht, kann ich zurzeit nicht mehr annehmen. wenn für mich der fall aber klar ist, mache ich eine ausnahme. das heisst, wenn jemand ganz elendiglich beieinander ist. aber es gibt eben auch leute, die sehr anstrengend sind und die ich schlecht ertrage. es gibt eine bestimmte haltung junger männer, die es sich relativ einfach machen. die wissen, es gibt die psychiatrie, damit kommt man schnell irgendwo davon. sie haben eine konsum- und anspruchshaltung, sie sprechen von ihren weltanschauungen und vorstellungen. da ist es schwierig für mich, wenn diese dinge quasi nur innerlich existieren und keine konkrete erfahrung da ist. bei mir hat also eher jemand zugang, der die rs gemacht hat, der einen oder mehrere wks gemacht hat und findet, es liegt nicht mehr drin, ich kann das nicht mehr.

dc/joe - dann ist im gutachten zur hauptsache die militärzeit das tema?

hl - nein, nicht grundsätzlich. es hat etwas mit fundierterer eigener erfahrung zu tun. es geht dann einfach nicht nur um vorstellungen und allenfalls ideologien. ich stütze mich aber nicht im wesentlichen darauf ab, was jemand im militär alles erfahren und erlitten hat, es ist nur ein teil davon. im andern teil widerspiegelt sich eine grundsätzliche erfahrung von mir als arzt. ich möchte nicht in die lage kommen, jemanden patologisieren zu müssen, und ich habe es auch nie getan. es läuft mir zuwider, jemandem nachzuweisen, er habe eine schwerere psychische erkrankung, und dies gegenüber meinen beamteten kollegen im bundesamt für sanität oder gegenüber den uc-kollegen zu vertreten. ich möchte einfach nicht die konzession machen zu sagen: dies ist ein kranker mensch, und das militär braucht nur gesunde leute. wenn jemand zu mir kommt, stelle ich mich auf meine rolle als arzt ein. ich betrachte ihn als einen leidenden, als einen patienten, der entweder eine erkrankung aufweist oder durch übergeordnete kräfte in einen leidenszustand gerät, den er selber nicht mehr lösen kann. ein militärpflichtiger kann aus eigener kraft nicht lösen, wenn er innerhalb des militärs in eine not gerät. da finde ich es dann legitim, wenn er einen arzt aufsucht und dieses unlösbare leiden unter dem militärdienst präsentiert. ich gehe so vor, dass ich versuche, den menschen, seinen werdegang, seine persönlichkeit, seinen alltag, sein wesen zu begreifen, zu erfassen, ebenso seine probleme und konflikte im militär zu sehen, und dass ich unter diesem aspekt im gutachten schildere, dass es da nicht mehr vereinbare grössen gibt: persönlichkeit, werdegang, seine spezifischen konflikte einerseits und andrerseits den militärdienst, wie er zurzeit existiert, und dass er da in einen leidenszustand gerät, wo nur noch die medizin etwas dazu sagen kann. dies ermöglicht mir, jemanden nicht mehr als krank abstempeln zu müssen, sondern sehr viel realer beschreiben zu können, was jemand im moment für eine geschichte hat.

dc/joe - zu uns auf die beratungsstelle kommen ca. 160 bis 200 leute jährlich, die mittels psychiatrischer hilfe vom militär wegkommen wollen. die hälfte davon sagt uns, es fehle ihnen nichts, sie hätten einfach den anschiss, sie könnten gescheiteres tun als ins militär zu gehen. angenommen, einer davon kommt nun zu dir und sagt dir dies nicht offen, wenn er zur tür reinkommt. du musst ja dieses nichtwollen, diesen anschiss umfunktionieren in eine medizinische sprache.

hl - ja, das kenne ich schon. wenn einer einfach sagt, es scheisse ihn an, dann setze ich mich in der realität mit ihm auseinander. ich sage ihm also, das reicht nicht aus. das kann ich nicht schreiben, und ich bin nicht bereit, etwas zu schreiben, was nicht stimmt. ich gebe den ball zurück: er soll mir doch bitte darstellen, was denn eigentlich sein problem ist. was das eigentlich heisst, wenn es ihn anscheisst im militär, und ob das problem allenfalls auch anders lösbar wäre. und ob der anschiss ein solches mass annimmt, dass er das problem nicht mehr alleine lösen kann. ich verlange also, dass einer in der lage ist, mir letztlich zu sagen, dass er an etwas tieferem und schwererem leidet. selbstverständlich kann sich hinter den worten, keine zeit und keine lust zu haben, viel anderes verbergen. es bleibt letztlich nicht immer nur bei dem, wenn ich ihn befrage. ich sehe in der regel jemanden zweimal. eine erste stunde, eine zweite stunde. durch diese zeitliche verschiebung ergibt sich beim zweitenmal immer eine andere begegnung. wenn es einer nun nicht zustandebringt, mir nahezubringen, dass er ein schwer lösbares problem hat, dass er also nicht quasi nur ein luxusproblem hat, dann schreibe ich auch kein gutachten für ihn. das hat es aber eigentlich nur ganz selten gegeben. ich will mich jedenfalls nicht instrumentalisieren lassen im dienste anderer lebensvorstellungen. es gibt manchmal leute, denen ich sagen muss, ich finde das jetzt einfach ein bisschen jammervoll, so lösen sie andere probleme in ihrem leben nicht unbedingt. ich setze mich mit den leuten manchmal auch ein wenig hart und kritisch auseinander, wenn ich merke, es regt mich etwas auf, ich werde genötigt, mir etwas aus den fingern zu saugen, nur damit es einem besser geht. das ist ein entscheidendes kriterium für mich: ich kann mir nichts aus den fingern saugen. es geht hier um wahrhaftigkeit, ich nehme ein ärztliches zeugnis sehr ernst.

dc/joe - kann das nicht schwierig werden: offiziell ist einer, der sich ausmustern lassen will, ein patient, der militärärztliche dienst mustert einzig und allein aus medizinischen gründen aus, wie immer wieder betont wird, dabei, denken wir, spielen doch andere gründe zumindest auch eine rolle.


hl - ein medizinischer grund ist dann gegeben, wenn jemand aus eigener kraft ein leiden nicht lösen kann. es hat schon auch mit andern dingen zu tun. ich spüre, dass da eine energie in ein leben hineinragt, die ihn in seiner gesamtentwicklung behindert. es hat mit dem schweregrad zu tun.

dc/joe - musst du nicht eine diagnose stellen oder mindestens beschreiben, dass.....


hl - (unterbricht) mach ich nicht! ich komme damit aus, ein leiden lebensgeschichtlich zu verknüpfen, ein leiden, dass sich gesamtgesundheitlich negativ auswirken kann. das reicht mir, da brauche ich keine diagnose, keine ziffer, keinen schlüssel. das ist mein persönlicher stil, den ich seit 20 jahren pflege, und den hat bis anhin noch niemand abgelehnt, und niemand erwartet von mir etwas anderes.

dc/joe - hast du eine idee, weshalb irgendwann in den 80iger-jahren die ausmusterungszahlen so hinaufgeschnellt und bis heute so hoch geblieben sind? wie ist das zu erklären? gibt es soviele junge leute mehr, die psychopatische tendenzen haben?

hl - nein, sicher nicht. ich denke nicht, dass heutige junge männer weniger belastbar oder kränker seien als vor 20 oder 30 jahren. ich denke, es hat mit gesellschaftlichen und historischen entwicklungen zu tun. einerseits gibt es ein grösseres bewusstsein, vielleicht ähnlich wie bei der abtreibungsfrage: es gibt ein grösseres bewusstsein, dass man sich an jemanden wenden kann. man kann sich mit dem militärproblem an die beratungsstellen wenden, es gibt kollegen, die auch schon bei einem arzt waren und sich vom militärdienst haben freistellen lassen können. das sind bewusstseinsprozesse unter den jugendlichen selber, man ist weniger hilflos, weniger autoritär-schicksalsergeben. darüberhinaus denke ich, dass sich die städte anders entwickelt haben als die landschaft. ich glaube, auf dem lande leisten die jungen männer fragloser militärdienst als in der stadt. andrerseits ist natürlich auch spürbar, dass es seitens des militärs eine liberalisierung gegeben hat. die uc-ärzte stehen weniger als früher unter dem gesellschaftlichen druck, ein riesiges heer rekrutieren zu müssen und möglichst streng zu sein.

dc/joe - könnte auch der kostenfaktor eine rolle spielen? wenn nicht mehr soviele gebraucht werden....

hl - möglich. ich denke, es gibt einen ideologischen anteil. ich mache die erfahrung, dass leute, die das nicht aushalten, relativ wertvolle menschen sind. ich begegne immer wieder jungen leuten, von denen ich auch beeindruckt bin, wie individualistisch und verantwortungsvoll sie im leben stehen, und dass sie den militärdienst nicht aushalten, hat auch den aspekt eines gesunden widerstandes gegen das, was sie dort antreffen, diese relativ blinde unterordnung, immer noch, unter eine ideologie. das sind vielfach menschen, die militärdienst leisten würden, wenn das militär gesellschaftlich offener wäre, wenn auf nationale temen eine antwort käme, die junge menschen auf ihre verantwortung anders ansprechen würde. es handelt sich um sehr selbständig denkende junge menschen, um kritische menschen, die durch ihr wesen und ihre entwicklung im militärdienst auch in eine entsprechend grosse not geraten könnten.

dc/joe - hast du selber militärerfahrung?

hl - ja. ich habe 630 tage militärdiensterfahrung. als arzt und offizier. ich war oberleutnant. ich bin an einem bestimmten punkt in eine ähnliche lage geraten. mit 45 wurde mir die last des militärdienstes unter den gegebenen umständen zu gross. nicht in meiner funktion als arzt, sondern deshalb, weil man von mir immer mehr erwartet hat, dass ich leute ausbilde. ich habe mich dann selber psychiatrisch ausmustern lassen.

dc/joe - wie gross ist der druck, dem ein truppenarzt ausgesetzt ist? wir vernehmen beispielsweise aus den rekrutenschulen, dass offenbar die einen ärzte in eigener kompetenz leute heimschicken können, während die andern sagen, das können sie nicht. dann müssen die patienten beim kommandanten antraben, und dort herrscht oft ein sehr rauher wind.

hl - das ist dasselbe problem, wie wenn ein assistent im spital arbeitet. er kann sich dem chef beugen oder er kann sich selbständig mit dem patienten auseinandersetzen. in friedenszeiten müsste ein truppenarzt klar das medizinische interesse des patienten berücksichtigen und nicht die meinungen und bedürfnisse des kommandanten. ich kenne diese auseinandersetzungen schon mit meinen vorgesetzten und truppenkommandanten. es ist eine frage der zivilcourage, sich schützend vor einen patienten zu stellen. ein truppenkommandant beugt sich dem immer, wenn man ihm als arzt gegenübertritt und sagt, nein, das geht nicht mehr. das ist gewiss auch heute noch so. es ist einfach die frage, wie die jungen ärzte charakterlich beschaffen sind. ich kann das eher nur indirekt beurteilen. es gibt situationen, wo jemand aus dem militärdienst ausreisst und sich an mich wendet. und ich sehe, der ist in einem desolaten, angsterfüllten zustand. dann handle ich sehr rasch. ich kann einerseits zum bundesamt für sanität einen direkten draht herstellen, da gibt es so was wie kollegiales vertrauen, dass das, was ich sage und schreibe, auch stimmt. das hat sich schon bewährt. innerhalb zweier minuten kann ich in bern erreichen, dass man jemanden sofort freistellt, wenn es sich um einen notfall handelt. zum andern gibt es auch noch die verstrickungen mit der militärjustiz, wenn also jemand schon angezeigt ist und vor den richter muss. das kann man auch entflechten, wenn man will.

dc/joe - neuerdings wird vor uc schon mal abgelehnt mit der begründung, man solle in den zivildienst, und zwar ausschliesslich vor der aushebungs-uc. wir beobachten das speziell im raume bern. es wird entweder gar nicht oder nur sehr oberflächlich auf das gutachten eingegangen, schnellabfertigung, stempel, punktum.

hl - ich überblicke nur den raum zürich, da ist mir dieses zivildienstfänomen nicht bekannt. ich werde von keinerlei informationen bedient ausser von denen, die mir meine patienten liefern. ich will immer wissen, wie es ihnen vor uc ergangen ist. ich verpflichte jeden, dass er mir berichtet, wie das verfahren abgelaufen ist. was ich dabei höre, ist folgendes: es kommt sehr draufan, welche ärzte dort sitzen. ein uc-arzt hat sowohl die interessen des patienten wie jene des militärs zu vertreten, er ist auch irgendwie eine politische person. es ist unterschiedlich, was diese ärzte für mögliche vorurteile haben gegenüber jemandem, der dasitzt und nicht oder nicht mehr ins militär gehen kann. es ist mehr oder weniger ein zufall, wer hier aufeinandertrifft. es gibt auch eine hierarchie dort, und die ärzte haben selbstverständlich auch weisungen, die ich aber nicht kenne. ich kann mir vorstellen, dass die uc-ärzte bewusst oder unbewusst entlang einer bestimmten vorgegebenen linie handeln. sie können wegen der truppenreduktion heute liberaler sein. was ihr erzählt von bern wegen des zivildienstes, das habe ich noch nicht wahrgenommen. es gibt auch leute, die mit einem rekursverfahren zu mir kommen, erst zu mir kommen, wenn sie abgelehnt worden sind. aus diesem zusammenhang weiss ich, dass die innerschweizer kantone, der thurgau, das appenzell oder auch der ostschweizer raum, vor allem aber der kanton aargau sich schwerer tun mit ausmusterungen. dort kann es schwierig werden für die leute. es gibt grosse regionale unterschiede. wenn ich etwas bestürzendes erfahre, wie ärzte denken und handeln, dann in mindestens zwei oder drei fällen aus dem aargau, wo ausgesprochen rassistische begegnungen, nicht einfach nur vorurteile, rassistische übergriffe stattfinden an italienern und tschechen, die eingebürgert wurden und sich ausmustern lassen wollten. da habe ich auch schon was unternommen und dem bundesamt geschrieben, sie sollen den fehler ihrer aargauer kollegen aus menschenrechtsgründen korrigieren, man könne auch im interesse der schweiz so nicht mit leuten umgehen. solche übergriffe gibt es also unter ärzten.


dc/joe - gesamthaft gesehen: würdest du sagen, das militär schade den leuten?


hl - nicht grundsätzlich. mit zunehmendem alter wächst natürlich der wirtschaftliche druck, verschiebungsgesuche werden abgelehnt trotz mehrmaligem schreiben. da geraten arbeitgeber unter druck und der angestellte im betrieb, oder einer hat ein eigenes unternehmen aufgebaut, der steht auch unter grossem druck. es gelingt mir dann, im gutachten zu erklären, dass dieser mann dem militär nichts bringt. bei den jungen aber bin ich konservativ. ich finde, nach wie vor ist der militärdienst männliche initiation. es hat nicht nur mit selbstverteidigung, ideologie und brechen der individualität zu tun, es gibt immer noch den bereich der männergemeinschaft, und das hat mit der ganzen nation zu tun, hat mit waffen etwas zu tun. das kann für einen jugendlichen, der noch mitten in der entwicklung steht, eine grosse herausforderung sein, auch unter relativ feindseligen, für ihn ideologisch schwer erträglichen verhältnissen eine lebenserfahrung zu machen, wo er lernt, sich durchzuschlagen, sich auseinanderzusetzen, sich zu schützen und so weiter. das sind für mich viel weitere kriterien. darum gibt es junge, die ich nicht ertrage. die sich sowieso mit all ihren kollegen einig sind, dass eine rs verheerend und schlimm und weiss nicht was sei. diese ansicht kann ich so nicht teilen. das militär ist nichts, was einen grundsätzlich bedroht. aber es gibt vielleicht mehr individualisierte junge männer, die durch die realität des militärdienstes tatsächlich bedroht sind.

dc/joe - hältst du es für möglich, dass man dich hereinlegen kann?

hl - nein, das halte ich nicht für möglich.

dc/joe - wieso nicht? bist du ein so guter menschenkenner?

hl - das ist einfach so. ich habe selber militärdienst gemacht. ich kenne heutige jugendliche. ich weiss, wie sie denken. ich weiss, was ein junger mann ist. ein junger mann ist ein junger mann, ich bin 54. ich kann ihn fragen, was mit ihm los sei, weshalb er vor mir sitze. ich weiss, dass es sehr vielen menschen schwerfällt, bei einem psychiater zu sitzen. nur allein die tatsache, dass sie vor mir sitzen, ist mir beweis genug, dass sie etwas haben. das ist für mich spürbar. und einen filou, also einen filou erkenne ich am telefon schon. und wenn mir am telefon einer durch die maschen schlüpft und dann hier sitzt und mich instrumentalisiert und meint, er könne mich kaufen, weil er in einer krankenkasse ist und einfach zu einem arzt gehen kann...
ja also, das sind normale dinge, die jedem arzt passieren: man spürt es, wenn man instrumentalisiert wird. ich werde nicht übers ohr gehauen, würde ich schon meinen.

dc/joe - weisst du, was mit den gutachten im weitern geschieht?

hl - nein. ich nehme immer noch an, treuherzig, ein restglauben an ein staatliches gebilde, dem ich mich immer noch zugehörig fühle, dass mit diesen gutachten sorgfältig umgegangen wird und dass sie einem grössern schutz unterliegen als andere militärische niederlegungen. ich habe immer noch diesen glauben, mehr weiss ich nicht, und es ist mir auch nie etwas gegenteiliges zu ohren gekommen aus der zeit der letzten 20 jahre.

dc/joe - merci, hansueli, für dieses gespräch.

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kleine staatskunde für junge bürger oder: warum nicht jeder zivildienst leisten darf > daniel costantino

es gehört zum selbstverständnis einer kommission, einer bundesrätlichen gar wie der zivildienstkommission, anträge und gesuche auch mal abzulehnen, denn sonst wäre man ja nur fürs rumsitzen da und um das sitzungsgeld einzukassieren und steuern zu verschleudern. und es gehört zur aufgabe einer behörde, in unserem falle der "zentralstelle zivildienst", die als unabhängig deklarierte kommission in ihre aufgabe einzweihen, sie zu schulen und einzuüben und ihr den definitiven entscheid über ein gesuch gleich auch noch abzunehmen. irgendwie schafft man es dann selbander, die gewünschten resultate zu erzielen, die erforderlichen quoten und kontingente zu erfüllen. eine hauptaufgabe fällt dabei gewissen beamten und politikern insofern zu, als sie die ganze sache als demokratisch, rechtsstaatlich, frei von willkür und zensur darzustellen haben. so verwahrt man sich etwa gegen das wort quote, vermag sogar den stabilen prozentsatz akzeptierter gesuche (schwankung bloss plusminus zwei drei prozent) zu erklären: erstens sei die welt wie sie sei, da könne auch eine behörde nichts dafür, zweitens teile sich die jugend nun mal in gut und böse auf, das verhältnis sei dank erfolgreicher erziehungsmassnahmen vier zu eins, ergo gebe es 80% hochmoralische junge männer in der schweiz, das habe die letzte volkszählung ergeben, denen 20% schmarotzer, egoisten und staatsfeinde gegenüberstünden, was man allerdings so nicht gesagt haben wolle, und drittens seien die beratungsstellen dran schuld, dass man zivildienstgesuche ablehnen müsse, was man sehr bedaure, weil die armen verweigerer, die von uns nichts gewusst hätten, keine so guten gesuche zu schreiben vermöchten, wie wenn wir sie durch unsre mangel gedreht und völlig indoktriniert und bis zur unkenntlichkeit den wolf in ihnen in ein lamm verwandelt hätten. darum gebe es dann plötzlich im vergleich eben schlechte gesuche, die abzulehnen man nicht umhin könne schon aus gründen der fairness, welche die beratungsstellen mit füssen träten. aus einem der zivildienstkommission zugespielten internen dokument der beratungsstelle bern gehe klar hervor, dass höchst fragwürdige grundsätze zur beeinflussung der verweigerer gälten, deren suggestivkraft das ganze zivildienstgesetz und damit den rechtsstaat unterhöhle; die jungen menschen würden nämlich dazu angehalten, sich zu verstellen und die kommission brandschwarz anzulügen und sich folgende sätze einzutrichtern:
1. merksatz für zivildienstwillige
spiele einen pflichtschuldigen, loyalen staatsbürger, der nichts um seines eigenen vorteils willen tut (gaanz wichtig!!!) und der alles, was er kann, fürs allgemeinwohl unternimmt. weise mindestens eine tägliche gute tat vor, spiele einen pfadfinder, der alten leuten über die strasse hilft, kein auto fährt, damit niemand unter seine räder geraten kann, der dankbar ist, von der polizei geschützt zu werden, die beamten demzufolge freundlich grüsst und sich der teilnahme an politischen demonstrationen enthält (ausnahme höchstens: bewilligter 1. mai-umzug) und der einem vergewaltiger, der etwa deine freundin auf einem waldspaziergang zu missbrauchen trachtet, mit guten worten entgegentritt (nicht davonspringen!), bevor du dich gegebenenfalls mit einem messer oder dergleichen erstechen lässt. übe diese gewaltfreie form des widerstands so lange, bis du selber an sie glaubst, nur dann wirkst du echt.

2. merksatz für zivildienstwillige
weise dich als einen strikten gegner der armee aus und begründe dies damit, dass eine armee, selbst eine demokratische, den grundsätzen der menschenwürde verpflichtete wie die schweizer armee, menschen zu töten manchmal nicht umhin kann, wenn gerade krieg ist, aber erkläre sogleich, ein strikter befürworter von autorität und männlichkeitskult zu sein, wie er daselbst gepflegt wird. laste keinem kommandanten persönliche machtgelüste an, wenn er kraft seiner funktion befehle erteilt, deren erzieherischer sinn du dummer hund nicht begreifst.

dann werde die sache gruppenmässig eingeübt, ja den verweigerern vor der ganzen gruppe eingebläut, so dass sie vor der kommission nicht mehr den mut zur wahrheit fänden. ziel des unternehmens sei es, die revolution anzuzetteln und loszuschlagen, sobald man stark genug dazu sei. denn was ein falscher militärverweigerer sei, der stehe am morgen auf und rüttle als erstes dreimal kräftig am staate, cha-cha-cha!

ein solches opfer unseres vorhandenseins ist jakob, der laut "zentralstelle zivildienst" logischerweise also deshalb abgelehnt wurde, weil er sich nicht von uns hat beraten lassen und nun schlechter war als die andern. der also noch logischerer weise deshalb nicht genommen wurde, weil er zu ehrlich war. er hat den damen und herren der "zentralstelle" das folgende gesuch geschrieben:

meine begründung für ein zivildienstgesuch

mit dem tag der aushebung kam auch für mich die pflicht, militärdienst zu leisten. ich hatte mich damals nie mit einer truppengattung auseinandergesetzt, da mir keine zusagte. infolgedessen wurde ich zu den rettungstruppen nach wangen an der aare eingeteilt. dieser einteilung konnte ich durchaus positive seiten abgewinnen. so war ich nicht in eine kampfführende truppe involviert und würde lebensrettende und nicht lebenszerstörende arbeiten erlernen. mit dieser argumentation war meine einteilung vorerst gerechtfertigt. durch mein verschiebungsgesuch war die rekrutenschule sowieso in weite ferne gerückt.
seit damals, zur zeit meiner aushebung, bis heute, ist in meinem leben sehr viel geschehen. ich bekam viele neue lebensaspekte zu spüren, begegnete sehr interessanten, starken persönlichkeiten und tauchte auch vermehrt in meine welt der musik und malerei ein. dies ist eine öffnung, welche stark mit der derzeitigen schule in verbindung steht. aus den unzähligen erfahrungen und diskussionen entstand der klare entschluss, zivildienst leisten zu wollen. an dieser stelle möchte ich klarstellen, dass ich mich von keiner pflicht und aufgabe entbinden will. ich bin ein bürger dieses landes und fühle mich daher auch schuldig, dieser pflicht nachzukommen. ich will diese pflicht jedoch in form des zivildienstes und nicht in form des militärdienstes leisten.
gegenüber der institution armee habe ich keine total gegnerische, im laufe der jahre jedoch sehr kritische haltung eingenommen. ich vertete die ansicht, dass auf dieser welt noch kein konflikt durch einen militäreinsatz vollumfänglich und ganzheitlich gelöst wurde. ohne vergangene kriege wäre die menschheit wohl nicht dort, wo sie heute steht, dessen bin ich mir bewusst. aus diesen kriegen sollte jedoch die einsicht resultieren, dass heutige konflikte anders zu lösen sind. ich sehe somit keinerlei persönliche vorteile, militärdienst zu leisten und diese institution weiterhin zu unterstützen. für mich bedeutet dies eher einen rückschritt. dies beinhaltet auch eine grosse abneigung gegenüber waffen, kampf und gewalt. ich könnte niemals eine waffe gegen einen menschen oder ein tier richten, auch nicht bei einem schiessbefehl eines vorgesetzten. meine wertvorstellung sagt mir, dass jedes individuum ein anrecht auf leben hat. seit meiner jugendzeit versuche ich konflikte zu verhindern oder zu lösen. gerade in der schulzeit bekam ich dadurch oft gewalt und unrecht am eigenen leib zu spüren und möchte auf keinen fall die gleichen fehler begehen.
während meiner lehrzeit entwickelte ich eine sehr grosse selbständigkeit. ich sehe daher ebenfalls probleme in der befehlsform und dem strikten befolgenmüssen der befehle, die ein vorgesetzter seinem untergebenen stellt. ich bin ein gegener einer typischen hierarchie, wenn man das so sagen kann. jeder mensch muss eine gewisse persönliche freiheit und meinung haben. "ausgeliefert sein" und die "ohnmacht" spüren gegenüber einer chefperson macht mir schnell zu schaffen. so finde ich es auch absurd, mich einer gruppendynamik hinzugeben und z.b. den westschweizern das synonym "russen" anzuhängen, wie ich es vermehrt aus gesprächen mit soldaten herausgenommen habe. meine erziehung und die eigenständige, offene weltanschauung lassen mich von solchen äusserungen klar distanzieren. dies sind genau die kleinen nebensächlichkeiten, die grosszügig geduldet werden und die es für mich unvereinbar machen, militärdienst zu leisten.
während meiner lehrzeit engagierte ich mich stark im sozialen bereich. so liess ich meine beruflichen kenntnisse in den umbau eines jugendtreffs einfliessen, welcher heute rege benutzt wird. auch mit menschen kann ich sehr gut auf einer feinen ebene kommunizieren. dies lässt mich häufig sehr nahe an die personen herankommen, so dass diese sich auch verstanden fühlen.
ich hoffe, dass ich ihnen meine verschiedenen gründe, welche zu der klaren überzeugung geführt haben, zivildienst leisten zu wollen, auf verständliche weise darlegen konnte, und würde es sehr begrüssen, wenn sie auf mein gesuch eingehen würden.

kein gewissenskonflikt nach art. 1 zdg

die "zentralstelle" hat das gesuch mit folgender begründung abgelehnt: (ausrufezeichen in klammern sind entsetzungszeichen des autors, der die zusammenhänge so, wie sie dargestellt werden, weder im gesuch noch in den anhörungsnotizen vorfindet oder aber zeigen will, dass die "zentralstelle" am gesetz vorbeischreibt)
"sehr geehrter herr
die zulassungskommission hat wie folgt zu ihrem gesuch und zur glaubhaftigkeit des durch sie geltend gemachten gewissenskonflikts stellung genommen: im gesuch hätten sie festgehalten, dass jedes individuum das recht auf leben habe und sie daher keine waffe gegen mensch oder tier richten dürften - auch nicht, wenn ihnen dies befohlen werde. an der anhörung sei hervorgegangen, dass jeder mensch ihres erachtens als eigenständiges und ganzheitliches individuum betrachtet werden müsse. in der armee sei das auf sie bezogen nicht der fall; sie könnten sich dort nicht frei verwirklichen. hintergrund ihrer haltung sei eine rentabilitätsrechnung: sie würden alles unter der frage prüfen, was es ihnen bringen könne (!). darum (!) konnten sie keine verbindlichen normen nennen, da die persönliche entwicklung - auf ein nicht näher bestimmtes ziel hin - der massstab sei, nach welchem sich alles richte. ihre lebenshaltung (z.b. der wunsch, liebe geben zu wollen) wirke oberflächlich und teoretisch. im bezug auf gewalt hätten sie gesagt, dass sie ein mittel zur menschlichen evolution sein könne, sie diese jedoch ablehnten. ihren geplanten einsatz für "habitat for humanity" sähen sie lediglich als mittel auf dem weg zur persönlichen entwicklung (!).
aufgrund dieses befundes hat die zulassungskommission einen antrag auf ablehnung des gesuches gestellt. wir schliessen uns der feststellung und würdigung der zulassungskommission an. nachstehend erläutern wir ihnen die gründe im détail:
sie gaben an, keine persönlichen vorteile darin zu sehen, militärdienst zu leisten. es sei viel besser für sie, zivildienst zu erbringen, wo sie gute erfahrungen machen könnten (wie ihr kollege, der bei der basler einwanderungsbehörde seinen zivildienst leistete) und etwas zurückbekämen. sie wollten keine zeit haben, um abzuschalten, sondern um sich entwickeln zu können. mit diesen äusserungen gaben sie an, warum es ihres erachtens für sie besser wäre, zivildienst leisten zu können. nun gibt es jedoch keine wahlfreiheit zwischen militär- und zivildienst. die frage, warum es besser wäre, zivildienst leisten zu können, stellt sich in unserem verfahren nicht, massgebend ist einzig die frage, warum sie den militärdienst nicht mit ihrem gewissen vereinbaren können. so geht es im folgenden nun darum zu prüfen, ob sie moralische normen geltend gemacht haben, auf die sich ein gewissenskonflikt mit einem von ihnen zu leistenden militärdienst stützen kann (! obwohl schon mehrmals von der rekurskommission gerügt, beharrt die "zentralstelle" auf dem wort gewissenskonflikt; gewissensgründe, einfach gewissensgründe, hat der bundesrat gesagt und verlangt das gesetz).
dass sie die konfliktlösung mit gewalt ablehnen, kann als bezugnahme auf eine moralische forderung verstanden werden, mit welcher das leisten des militärdienstes nicht vereinbar ist. es genügt jedoch für die glaubhafte geltendmachung eines gewissenskonfliktes (!) noch nicht, eine moralische forderung zu benennen. weitere voraussetzungen müssen erfüllt sein, denen sie nicht gerecht wurden: sie müssten erklären können, was diese forderung beinhaltet und welche tragweite sie hat. zudem müssten sie aufzeigen können, welche ideale und wertvorstellungen ihr zugrunde liegen. sie haben einerseits zwar gesagt, dass das ziel sei, konflikte ohne waffengewalt zu lösen, andererseits gaben sie aber auch an, dass es dazu gewalt (z.b. worte und präsenz)
brauchen könne. gewalt sei, menschen in situationen zu zwingen, welche sie ablehnten, und sie in ihrem wesen zu beschneiden. es bleibt unklar, welche art von gewalt sie nicht anwenden wollen (!), bzw. falls sie die eine art der gewalt als legitimes mittel sehen, die andere aber nicht, worin sie den unterschied sehen. es habe in der geschichte kriege gegeben, welche notwendig gewesen seien, um eine wende herbeizuführen, und es gebe auch situationen, wo ein wesen gewalt erfahren müsse, um weiterzukommen. sie sähen das ganze als fortschreitende entwicklung und wollten sich auch selber stets weiterentwickeln. mit diesen aussagen messen sie der gewalt einen nutzen bezüglich der entwicklung bzw. des fortschritts zu. dies erscheint widersprüchlich (!) zu ihrer aussage, gewalt abzulehnen. sie wüssten nicht, wohin der fortschritt gehe, seien aber sicher, dass er zu einem besseren zusammenleben führe. ihre überlegungen zum tema gewalt bleiben oberflächlich und verdichten sich nicht zu einer moralischen norm (!), welche ihnen persönlich etwas ver- oder gebietet, das mit einem von ihnen zu leistenden militärdienst unvereinbar wäre.
das "grundding" sei, liebe zu geben, wobei dies ein dürfen sei und es nichts gebe, das sie absolut tun müssten. sie erklären nicht, was es konkret bedeutet, auf einer tieferen ebene liebe zu geben. eine moralische norm verpflichtet den sie geltend machenden bedingungslos und fordert etwas von ihm. wenn sie sagen, sie versuchten jeden menschen gern zu haben, dürften liebe geben, seien aber zu nichts verpflichtet, so erscheint dies beliebig. sie leiten aus dem wunsch, liebe geben zu wollen, keine sie verpflichtende moralische norm ab, welche ihnen das leisten eines militärdienstes verbieten würde.
sind die grundlagen des gewissensentscheides nicht ausreichend erklärt worden, so kommt der praktischen umsetzung der ansatzweise geltend gemachten moralischen forderungen im alltag des gesuchstellers eine umso grössere bedeutung zu. als konkrete tätigkeiten haben sie angegeben, während der lehre beim umbau eines jugendtreffs geholfen zu haben und einen einsatz für "habitat for humanity" zu leisten. diese tätigkeiten bringen aber nicht zwingend einen zusammenhang mit der ablehnung jeder gewalt zum ausdruck. nicht jede positiv bewertete tätigkeit kann automatisch als ausdruck einer für den gewissensentscheid relevanten moralischen forderung gelten, sondern die entsprechende tätigkeit muss einen erkennbaren zusammenhang mit der geltend gemachten moralischen forderung haben. zudem gaben sie an, sich vom einsatz für "habitat for humanity" persönlich viel zu versprechen und ihn als beitrag zur persönlichen entwicklung zu sehen, was den oben erwähnten eindruck bestätigt, dass ihr massstab, etwas zu tun oder zu unterlassen, der persönliche nutzen ist (!). darüberhinaus haben sie kein engagement geltend gemacht, das als umsetzung einer moralischen forderung in ihrem alltag verstanden werden könnte. dass sie ein sozialer beruf allenfalls reizen könnte, ist eine recht vage absicht; zudem steht ein soziales gedankengut alleine einer militärdienstleistung nicht zwingend entgegen.
zusammenfassend halten wir fest, dass sie ansätze geltend gemacht haben, hinter welchen sich eine moralische grundhaltung verbergen oder an welche eine moralische argumentation anknüpfen könnte, die schliesslich die grundlage eines gewissensentscheides gegen den militärdienst zu bilden vermöchten. bei keinem dieser ansätze ist es ihnen jedoch gelungen, einen klaren bezug zu moralischen forderungen herzustellen, womit auch der schluss auf einen gewissenskonflikt im sinn von artikel 1 zdg nicht möglich ist."

soweit die auslassungen der "zentralstelle". was helfen da verfassungsartikel über glaubens- und gewissensfreiheit, wenn die obrigkeit dann gleichwohl das letzte wort darüber hat. jakob bemüht sich nun in seinem rekursschreiben, der "zentralstelle" verfassungsmässig auf die sprünge zu helfen, indem er schreibt, er empfinde es als das wichtigste ziel in seinem leben, einen glauben zu besitzen. für ihn stehe sein glaube aber nicht im zusammenhang mit einer bestimmten religion. er sei in der anhörung missverstanden worden, er habe sehr wohl religiös argumentiert, denn für ihn stehe sein glaube an erster stelle und stütze sich auf eine tief erfahrene liebe und das vertrauen in sich und seine mitmenschen. so sei es möglich, bedingungslos zu helfen und dabei das paradies in sich selbst zu entdecken. nicht nur zu entdecken, sondern es auch zu erweitern und weiterzugeben. wenn er nun für das hilfswerk "habitat for humanity" arbeiten gehe, so mache er dies, um anderen zu helfen und sicher nicht, um sich zu profilieren und einen eigenen nutzen daraus zu ziehen. diese frage stelle sich für ihn gar nicht. der militärdienst sei somit der direkte gegenpol zu seiner ideologie. "wie soll ich diese gewaltbereite institution unterstützen und dabei nicht in einen ausweglosen konflikt geraten. gerade dadurch, dass für mich jeder mensch bedingungslos gleich wie sein mitmensch ist, ist es doch absurd, einander schaden irgendwelcher art zuzuführen. wir alle sind gleich, und doch sind wir zum glück grundverschieden. mein gewissen würde es niemals zulassen, einem anderen menschen zu schaden, sei dies nun mit verbaler, emotionaler oder körperlicher gewalt. gewalt beinhaltet jeden einzelnen dieser aspekte." und weiter: "beim zivildienst geht es mir nicht um einen persönlichen vorteil, sondern es geht mir darum, mit meinem gewissen im reinen zu sein. menschen wirklich zu helfen, wenn sie in not sind oder hilfe brauchen." und überdies: "ich habe nicht nur den wunsch, liebe zu geben, sondern ich versuche dies auch aktiv zu leben. dazu müsste wohl mein ganzes umfeld befragt werden, um zu einem entschluss zu kommen, ob mein gesagtes wirklich teoretisch und oberflächlich sei. dies ist in keiner art und weise eine anschuldigung, doch empfinde ich diese aussage mehr als nicht gerechtfertigt. ich versuche wirklich den menschen so zu begegnen, wie sie es auch verdient haben. denn jeder, der diesen schritt aus dem alleswissenden hinaus in sein erdenleben getan hat, ist zu bewundern und zu achten. dies nur, um sich zu entwickeln, zu lernen, dem lebensplan zu dienen und vielleicht dem paradies etwas näher zu kommen. ich hoffe, dass ich das bild meiner person und meiner ideologie etwas lichten konnte."
was ihm aber nicht gelungen ist: "weder im schriftlichen gesuch noch an der anhörung war je von diesem glauben die rede", weiss die "zentralstelle" in ihrer vernehmlassung zu berichten. (fragezeichen in klammern bedeuten ausrufe des autors). es erstaune nun, dass der beschwerdeführer erst in seinem rekursschreiben angebe, dass genau dieser an oberster stelle für ihn stehe, ohne zu erklären, warum ihm dies zu einem früheren zeitpunkt des verfahrens nicht möglich gewesen sei. überdies sei er in der anhörung gefragt worden, ob auch die arbeit im hilfswerk ein beitrag zur persönlichen entwicklung sei, was er bejaht habe. er habe im folgenden kurz seine zukünftige dortige tätigkeit beschrieben und hernach gemeint, sich viel davon zu versprechen. es erscheine nun widersprüchlich, wenn er im rekursschreiben angebe, dass es sicher nicht darum gehe, einen eigenen nutzen zu erlangen. weder im gesuch noch an der anhörung habe er angaben über die motivation zur - an sich sehr lobenswerten - arbeit für "habitat for humanity" gemacht. zudem zeige er keinen zusammenhang auf zwischen seinem wunsch, den menschen zu helfen und der persönlichen unmöglichkeit, militärdienst zu leisten. "dass es schwierig ist, in einer stunde über innerste vorgänge (des gewissens) auskunft zu geben, ist uns bewusst. nun geht es während der anhörung aber nicht darum, über sämtliche aspekte des lebens zu sprechen, sondern über jene, welche das gewissen in bezug auf den militärdienst betreffen. dabei versucht die zulassungskommission den betreffenden menschen zu verstehen und berücksichtigt dessen nervosität, alter und ausbildungsstand. sowie es für sie ungeklärte fragen gibt, hat sie auch die möglichkeit, die vorgesehene stunde zu überziehen, was im betreffenden fall passierte: die anhörung dauerte 70 minuten. wären noch fragen offen geblieben, so hätte sowohl die zulassungskommission als auch der beschwerdeführer - nachdem ihm das wort zur persönlichen ergänzung erteilt wurde - die gelegenheit gehabt, weitere fragen zu stellen.(?) von beiden parteien wurde diese gelegenheit jedoch nicht benutzt. der beschwerdeführer macht mit diesen pauschalen bemerkungen (?) über sein denken keine neuen sachverhalte geltend (?). er rügt auch nicht konkret, der gewissenskonflikt sei während der anhörung nicht sachgemäss erfragt worden und gibt keine beispiele für missverständnisse (?) oder nicht erwähntes an (??)."
schlussendlich mache der beschwerdeführer geltend, dass es ihm beim zivildienstgesuch nicht um einen persönlichen vorteil gehe, sondern darum, mit seinem gewissen im reinen zu sein und menschen wirklich zu helfen, wenn sie in not seien. diese darlegung erscheine widersprüchlich zu im gesuch und in der anhörung wiederholt gemachten aussagen, welche die vor- und nachteile von zivil-, resp. militärdienst abwögen (?). als beispiele werden genannt, laut der anhörungsnotiz: "ich sehe somit keinerlei persönlichen vorteile, militärdienst zu leisten und diese institution weiterhin zu unterstützen." oder: "ich verspreche mir auch viel vom zivildienst, um zu merken, in welche richtung ich gehen will". und sogar: "...es [der zivildienst eines kollegen auf der einwanderungsbehörde] brachte ihm sehr, sehr viel, und so etwas verspreche ich mir auch". und abscheulicherweise: "es ist für mich viel besser, im zivildienst etwas zu leisten, daraus kann ich etwas nehmen, das kann ich im militärdienst nicht." aufgrund obiger erwägungen gelange man zum schluss, dass die rügen des beschwerdeführers ins leere stiessen. man beantrage abweisung der beschwerde.
jakob unternimmt noch einen letzten anlauf, indem er auf die vernehmlassung eine "ausstandsbegehren" genannte replik verfasst, in der er unter anderem schreibt, es falle ihm äusserst schwer, seinen glauben in worte zu fassen, daher sei er zurückhaltend gewesen. das gespräch mit der kommission sei ganz und gar nicht nach seiner vorstellung eines offenen konstruktiven austausches gelaufen. er sei völlig verwirrt gewesen, habe auch kurz vor der berufsmatur gestanden. und er stellt noch einmal klar, wenn es dieser klärung bei wohlwollender interpretation noch bedurft hätte, dass er gewalt nie angebracht finde. es lasse sich nicht zwischen den verschiedenen arten der gewalt differenzieren.

beschwerde unbegründet
die rekurskommission des evd, die sich von berufs wegen sonst eher mit milchschwemmen, butterbergen und wahnsinnigen rindern befasst, hat für jakob auch kein musikgehör. nach seitenlangen erwägungen über das gewissen in bezug auf den militärdienst, über die interpretation ihrer eigenen aufgabe als aufsichtsinstanz der "zentralstelle", nach mühseliger rekapitulation der tatbestände und quintessenzen kommt sie zum schluss: "der beschwerdeführer scheint auch mit vorliebe abgehobene, in ihrer bedeutung völlig absolute ausdrücke zu verwenden, wie beispielsweise ‚bedingungslose liebe', ‚totales vertrauen in seine mitmenschen', ‚einem menschen zu helfen, ist doch das schönste auf der welt', ‚ich habe niemals schaden angerichtet und will dieses handwerk auch nicht erlernen'". sowohl anhand der anhörungsnotiz wie seiner schriftlichen eingaben falle auf, dass er sich immer wieder durch seine eigenen wohlklingenden formulierungen "vom tema ab und mit seiner argumentationslinie in eine völlig andere richtung verlocken liess (? vom tema abverlocken?). dies bestätigt den von der zulassungskommission geäusserten eindruck von oberflächlichkeit". es könne der zulassungskommission nicht vorgeworfen werden, sie habe den sachverhalt unrichtig festgestellt, den ihr zustehenden beurteilungsspielraum überschritten oder sich von nicht sachgerechten überlegungen leiten lassen. es sei daher nicht zu beanstanden, dass die "zentralstelle" auf den befund der kommission abgestellt und das gesuch abgewiesen habe. die beschwerde sei deswegen als unbegründet abgewiesen.

scheinheilige behörden
was soll man zu solch empörenden unterstellungen sagen? sie haben eine jahrzehntelange tradition bei der behandlung von militärverweigerern. wenn uns nun die "zentralstelle" oder auch einzelne kommissionsmitglieder, wie schon mehrfach mündlich und schriftlich geschehen, unlauteren wettbewerb vorwirft und polemisiert, wir hielten die ratsuchenden nicht dazu an, die ungeschminkte wahrheit zu sagen, sondern trainierten sie zu schauspielerischen leistungen, so möchte man darüber am liebsten nur lachen. nach lektüre solch obrigkeitsstaatlichen quatschs ist diese gewaltfreie, aber aktive form des widerstands auch dringend zu empfehlen.


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meine persönlichen überlegungen, welche zum gewissensentscheid gegen den militärdienst geführt haben. > lukas h.

ich liebe das leben. ich liebe mein leben, und alle lebenden. das leben ist da, um es zu leben. zum schaffen für das leben. zum leben im einklang mit allen lebenden und allem lebendigen.
militär ist leben fürs nebeneinander und gegeneinander leben. ist der anfang von krieg. krieg ist leben gegen das leben - leben für das töten.
das leben ist das kostbarste gut - alles - das wir besitzen. niemand hat das recht, es jemand anderem wegzunehmen. in keinem fall. zu keinem zwecke.
wir müssen alles daran setzen, das leben zu bewahren, es zu schützen. und vor allem müssen wir verhindern, dass jemand den wunsch kriegt, es zu vernichten.
im militär gelten diese werte nicht. hier wird gesagt: man darf töten. es gibt wertvollere güter als das menschliche leben. unser leben ist mehr wert als dasjenige des feindes.
mit einer gewalttätigen ausbildung werden gewaltbereite "schüler" herangezogen, welche gewaltbereite truppen bilden. diese verlangen nach gewaltbereiten gegentruppen jenseits der grenze. um diese zu stellen, wird wiederum gewalt angewandt.
auch ohne kriegsschauplätze beherrscht eine militärbedingte gewaltspirale die gesellschaft.

ich bin gewaltfrei erzogen worden. meine eltern schlugen mich nie, sie lehrten mich, dass gewalt niemals eine konfliktlösung sein darf und kann.
auch von natur aus bin ich nicht streit- und kampflustig, sondern gesprächs- und kompromissbereit. ich bemühte mich zeitlebens, nie gewalt anwenden zu müssen -erfolgreich. streitsuchenden kindern und jugendlichen begegnete ich mit passivität, statt mich "ehrenhaft" mit den fäusten zu verteidigen. glücklicherweise kam ich stets mit wenigen schrammen davon.
doch gewalt wird nicht nur mit fäusten und waffen ausgetragen, sie beginnt schon mit beschimpfungen, ungerechtfertigten vorwürfen und ausgrenzung. in solchen situationen vermittelnd zu wirken, ist einer meiner beiträge zum gewaltabbau im kleinen.

meine familie pflegt seit vielen jahren freundschaftliche beziehungen zu kosovaris. so hörte ich schon als kleiner junge von den schikanen und grausamen übergriffen der serbischen sicherheitskräfte gegenüber der kosovo-albanischen zivilbevölkerung. ich fragte mich: weshalb sind die serben so grausam?
unsere freunde zeigten uns fotos von ihren dörfern und häusern. später erzählten sie uns, fast alles sei zerbombt worden. sie hatten alles verloren im kosovo.
eine familie, die während den etnischen säuberungen noch im kosovo lebte, wurde vertrieben. der vater rief uns aus einem flüchtlingslager in bosnien an und bat uns, seiner familie geld zu schicken. sie hatten kaum das nötigste, um zu überleben.
ich fragte mich oft:
-woher kommt der unendliche hass, welcher soldaten so unmenschlich macht?
-warum machen sie bei diesen etnischen säuberungen mit?
-wieso desertieren die soldaten nicht einfach alle?
ich konnte mir keine schlüssigen antworten auf diese fragen geben.

aus persönlicher überzeugung und durch den kontakt zu kriegsgeschädigten bin ich zum kriegsgegner geworden. jedesmal, wenn sich ein neuer bewaffneter konflikt anbahnt, und ich dies durch die medienberichte erfahre, spüre ich einen stich im herzen. weshalb sprechen die menschen nicht besser, nicht intensiver miteinander? ich glaube fest daran, dass mit ehrlicher kommunikation und mit dem dadurch erworbenen, gegenseitigen verständnis konflikte vermieden werden können.
ehrliche kommunikation kann aber nur dann erfolgen, wenn waffen in keinem fall zur durchsetzung der eigenen interessen eingesetzt werden. folglich dürfen den konfliktparteien keine armeen zur verfügung stehen. daher muss jeder einzelne, welcher einen dauerhaften frieden will, die mitgliedschaft zu einem kampfverband verweigern.
dass sich ein land wie die schweiz in einer derart friedlichen lage bewaffnet, zeugt von einer angst, einem misstrauen gegenüber anderen staaten - einem schlechten menschenbild.
die gelegenheit, auf waffen zu verzichten, im wissen, dass dieses niederlegen der gewaltbereitschaft anderen staaten und gruppierungen zumindest als zeichen dienen wird. als zeichen, dass frieden auch ohne armee zu haben ist.
mit den finanziellen mitteln, vor allem aber den menschlichen energien, die zurzeit ins schweizer militär gebuttert werden, könnten wir das antlitz der erde mehr als nur ein bisschen verändern.

am aushebungstag hatte ich das glück, wegen eines kleinen ohrenleidens und aus etischen gründen ein "schiessuntauglich" ins dienstbüchlein gestempelt zu bekommen. vom aushebungsoffizier wurde ich dem wetterzug zugeteilt.
ich wollte jedoch nicht militärdienst leisten und begann mich nach alternativen umzusehen. mit einem zeugnis vom psychiater einzurücken, entspricht nicht meiner ehrlichen art. da blieb der zivildienst, über welchen ich mich zu informieren begann. dieser zivile weg gefiel mir gut. ich erfuhr auch, dass es möglich sei, erst während oder nach der rs in den zivildienst zu wechseln.

als neugieriger und kritischer mensch wollte ich mir aber erst ein bild vom militär machen. es ist schwer, darüber zu urteilen, allein aufgrund von gesprächen. als waffenloser wettersoldat, dachte ich mir, werde ich wohl eher der wissenschaft dienen, als für kampfhandlungen ausgebildet.

in der rekrutenschule erwachte ich brutal. ich war hier mit den anderen rekruten, nicht um schönwetterprognosen in krisensituationen zu erstellen. wir sollten hier einzig das kriegshandwerk erlernen. um uns abzustumpfen, lässt das kader uns "sinnlose" befehle hundertfach ausführen. doch letztendlich sind diese befehle nicht sinnlos, sie haben einen grausamen sinn, nämlich uns zu gewissenlosen tötungsmaschinen umzuformen. damit wir im ernstfall ohne darüber nachzudenken einen tödlichen befehl ausführen.
das militärische gleicht dem faschistischen, dem totalitären: "nur die einheit zählt!", "ihr seid die besten!", der gehorsam, die ordnung, der befehl, die hierarchie, die propaganda, die "losgelöstheit" vom (etischen) denken, das fehlen von kommunikation und demokratischen strukturen, die präsenz von uniform und waffen...

bei der zugsinspektion hatte ich ein schlüsselerlebnis. unter anderem sagte der major bei der beurteilung unserer zugsschule:
"nein, ihr wart nicht gut, wie euer zugführer sagte, höchstens genügend! das ganze programm wird auf der stelle wiederholt, aber ohne dieses lächerliche stämpfelen! ja, ich mache euch bewusst so fertig, denn ihr müsst mich hassen, damit ihr gut seid! ihr müsst hassen und denken: ‚dem zeigen wirs!'"

nun war mir um einiges klarer, wie das grausame handeln der (serbischen) soldaten im krieg zustandekommt.

mir bereitete es grösste mühe, mitglied in dieser allein aufs töten ausgelegten organisation zu sein und zu bleiben. wenn ich - leider oft - gehorsam leistete, sei dies aus loyalität, solidarität oder dem selbsterhaltungstrieb, fühlte ich mich schlecht. ich verachtete mich dafür, das kriegshandwerk zu lernen. ich verachtete mich dafür, ein system zu unterstützen, welches ich als eine der hauptursachen der gewalt betrachte. ich verachtete mich dafür, nichts für den frieden zu tun.
wenn ich mich jedoch dem kommando widersetzte, erlebte ich kleine aufhellungen. anschliessend, die strafe ausbadend, schlugen diese jedoch bald in bitterkeit um.

die last des wissens, mitglied einer todbringenden einheit - der artillerie - zu sein, lag und liegt mir besonders schwer auf.
ich bin mitverantwortlich für die zielgenauigkeit der zerstörung. die zerstörung feindlicher kampfkraft... menschen!
junge menschen, deren ziel es ist, gesund und möglichst schnell zurück in ihr leben zu kommen. junge menschen, die während ihrer militärischen erziehung mit denselben frasen wie ich vollgepumpt worden sind. junge menschen, die das pech haben, einer anderen nation, fahne oder gruppierung als ich anzugehören.
ich bin genaugleich mensch wie mein möglicher gegner. nur haben wir unterschiedliche meinungen darüber, wer im recht ist. ich könnte genauso in seiner haut stecken. ich kann nicht von ihm verlangen, die waffe niederzulegen, ohne dass ich ihm dies vorgemacht habe.
was ich in einem vorangegangenen abschnitt über das waffenniederlegen der armee gesagt habe, gilt natürlich auch für mich als einzelnen. egal, ob ich alleine bin auf diesem weg, ich muss und werde es tun. ich werde, wenn auch nur als kleines kerzchen, teil des lichtes für den frieden sein.
ich könnte es nicht ertragen, jemanden getötet zu haben. ich würde ob dem gedanken, jemandem das leben genommen zu haben, zugrunde gehen. wenn ich meine wichtigsten werte derart mit füssen treten würde, hätte für mich ein weiterleben keinen sinn mehr!
auch wenn dieser fremde soldat mich getötet hätte, wäre ich ihm nicht zuvorgekommen, wäre ich vollkommen schuld an seinem tod. vorher die armee zu verlassen oder die weisse fahne hissen, das hätte unser beider leben retten können.

ich bin bereit, unserem staat einen teil meiner zeit und meine fähigkeiten zur verfügung zu stellen. jedoch nicht in form des militärdienstes.
ich will im zivildienst unserer gesellschaft wirklich dienen.

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gedanken beim ausfüllen des eidg. psych. rekrutierungstests > daniel costantino


"medizin-psychologische testung 2002" - schon der titel leuchtet ein: kein oberflächliches ratemal, sondern eine wissenschaftlich fundierte ausführliche herzundnierenprüfung! und nicht medizinisch, nicht psychologisch: medizin-psychologisch! welch fortschritt der forschung!
und dann gleich die einleitung: "aufgrund der sich häufenden psychischen probleme von rekruten während der rekrutenschulen ist für die im nächsten jahr beginnende neue rekrutierung auch eine psychiatrische beurteilung vorgesehen". doch plötzlich auch psychiatrisch zusätzlich noch. da hätten wir ja schon drei fliegen auf einen schlag erledigt. plus eine flause: es liesse sich nämlich zutreffender schreiben: "aufgrund der sich häufenden psychischen probleme von militärischen vorgesetzten (zunehmendes militärisches haudegentum, willkürlichkeiten, anschwellende inkompetenz etc)". das militär ist seit ein paar jahren wieder militärischer, paranoider, sexistischer geworden, und was ein rechter militärkopf ist, der will eben nur motivierte leute haben, kleinere, lenkbarere einheiten. genau deswegen also los und hinter die jugend her wie der teufel hinter die seele! apropos paranoid: datenschutz, trallala, wir haben ja ach so viel vertrauen! väterchen staat und grandpa militär hätten drum gar keinen auswertungsschlüssel, heisst es, fürsorglicherweise, ätsch, der liegt beim herrn vetter, hat er uns selbst gesagt, und der herr vetter ist leiter des "zentrums für katastrofen- und wehrpsychiatrie der uni zürich" und ist ja bloss der oberste wehrpsychiater der schweiz. hoffentlich stösst dem manne nichts zu. wär schön blöd, wenn man vettern nicht mehr fände mit seinem schlüssel. wenn das man gutgeht auch!
bisschen datenerheben also, bisschen mal sehen, wer da so seelisch kränkelt unter den jungen männern im lande. logo, psychisches leiden ist eine medizinische krankheit! das weiss man denn doch genau, und hat nichts, aber auch gar nichts mit den gesellschaftlichen verhältnissen zu tun oder etwa den anforderungen des wehrwillens; strammes glied, allzeit bereit und schnellgeschossen, wenn der feind kommt. und achtung: der kann von überallher kommen und jederzeit! das ist gesundes denken! und einem gesunden manne durchaus zumutbar der glaube, gerade die feine, kleine schweiz sei nun das friedfertigste, vaterländischste land, das nicht verteidigen zu wollen geradezu krankhaft anmutet.

eben. was die obrigkeitlichen werte in frage stellt, wird hübsch patologisiert und aus den augen geschafft. die psychiatrie, die psychologie als hure der macht.

unmöglich, nicht schon über die ersten paar zeilen zu stolpern, bevor ich noch zu den hunderten von fragen komme: "diese psychiatrische beurteilung soll dazu dienen, psychische probleme frühzeitig zu erkennen, um eine geeignete betreuung während der rs überhaupt anbieten zu können." bisher ging es immer so vonstatten, dass ein rekrut seine vorgesetzten fragen muss, ob er zum arzt dürfe. durchschnittliche dauer einer bewilligung mindestens fünf bis zehn tage. dann muss der truppenarzt überwunden werden oder auch der truppenpsychologe, jenachdem, der zwar zuhören, aber nichts entscheiden darf, wie der truppenarzt dito. dann vielleicht wird einer psychiatrisch betreut in form meistens eines zusammenschisses des waffenplatzpsychiaters, man solle nicht so wehleidig tun und sich durchzusetzen lernen. was also stellen sich die herren testpsychologen und -psychiater und -mediziner unter "geeigneter betreuung" inskünftig vor? fürsorgerischer freiheitsentzug etwa, wie schon bislang ab und zu vom waffenplatzpsychiater angedroht, mit festbinden und runterspritzen und kaltstellen?

dann: "diese psychiatrische beurteilung soll dazu dienen, schwer psychisch erkrankte von dieser zu befreien."
deutsch ist halt eine unexakte wissenschaft. und mein kommentar soll dazu dienen, den leser von ihm zu befreien.
"ihre individuellen resultate werden nur auf ihren ausdrücklichen wunsch hin ausgewertet werden."
grosses indianerehrenwort!
"die psychiatrische forschung ist auf das wissen über die normalen hirnprozesse angewiesen, um erkrankungen besser verstehen zu können."
wie normal ticken hirne, die solche "testungen" entwerfen? pardon, "kreieren", wie andernorts schon zu vernehmen war? ist normal gesund? was ist krank?

www.schandfleck.ch: sanatorium waldensee, text von blaise cendrars.


dauernd grammatikfehler, falsche interpunktion, schludrigkeiten, schon ganz zu anfang. man fühlt sich sogleich richtig ernstgenommen. die herren testungspsychodingsbumms zeigen der deutschen sprache aber mächtig die zähne! dafür sind sie dann so menschenlieb und fürsorgerisch zu ihren rekruten, sind halt auch nicht wirklich grammatisch-kopfmässig gesteuert, mehr so mit viel liebe und wärme aus dem bauch.

und nun die fragen!
ich greife mal ein paar heraus, die ersten besten:
"wohnen sie alleine?"
"falls nein, mit wem wohnen sie zusammen?"
ob man da schon falschwohnen kann?
"haben sie eine/n feste/n partner/In?"
interessant, dieser grossgeschriebene I. bisschen emanzipatorisch doch auch, frauenförderungsbewusst oder so, gell. wie ja überhaupt beim militär, heutzutage.
dann kann man ankreuzen.
die traurigen: "kein/e partner/In";
die eingebetteten: "feste/r partner/In länger als 1 jahr";
die verliebten und die herumstreuner unisono:
(ob verliebt oder herumgestreunt schon staatsgefährdend sein kann?)
"feste/r partner/In kürzer als ein jahr".
da hat man sogar das geld und die druckpatrone gehabt, die zahl auszuschreiben!
wieviele personen man kenne, zu denen man mit persönlichen problemen gehen könne, wird gefragt. anzahl hinschreiben oder ankreuzen ‚weiss nicht' oder ‚keine'.
zu befehl!
was wohl die ‚normale' antwort wäre? und welche antworten auf störungen hinwiesen? und auf wessen? die der frager?
wie gestört muss einer sein, um als gesund zu gelten?
über die schulbildung muss man auskunft geben, über die sicherheit des arbeitsplatzes, falls vorhanden. der arbeitsplatz natürlich, sicher ist darüberhinaus ja eh nix in diesen spannenden zeiten. kann man schnell wieder loswerden. über konflikte dortselbst, ob man selber gekündigt habe oder einem gekündigt worden sei.
"welche beruflichen ereignisse mussten sie in den letzten 12 monaten durchmachen?"
ein ereignis durchmachen? deutsches sprak!
welche partnerschaftlichen ereignisse man durchlebt habe?
wie poetisch!
muss man alles angeben. muss man? wüssten diese testungsveranstalter denn das entsprechende gesetz zu zitieren, wenn man sie, zum beispiel in einem ‚rekrutierungszentrum', danach fragte? vom herrn vetter selbst, dem oberwehrkatastrofenpsychiater, habe ich die antwort gehört, ja, man müsse, sei aber nicht verpflichtet, die fragen wahrheitsgetreu zu beantworten. man könne einfach immer das erste feld ankreuzen, dann bleibe der test unauswertbar. also, schön die wahrheit sagen, jungs, ihr kennt ja jetzt das genaue gesetz!
nun gibt es aber viele fragen, bei denen eine wahrhafte antwort schwerfällt oder gänzlich unmöglich erscheint.
"kleinere schwierigkeiten mit der polizei?".
okay, das mag noch angehen, beim grossen dreh ist ja nichts aufgeflogen. kann man als ehrlicher ganove ja noch stehen dazu. dann wirds aber schon ein bisschen psychedelisch:
"wiederkehrende unangenehme gedanken, die sie nicht loswerden können?"
hm? ein wenig? gar nicht? ziemlich stark, so beim ausfüllen dieses tests, pardon, dieser testung? ja, wo fängt das unangenehme an und hört das schmerzhafte nicht auf. wie soll man sich geben? haarspalterisch oder lassen wir mal fünfe grad sein? ohne betrugsabsicht und ehrlich: wie hätten sies denn gerne? so über den bogen gespannt oder an den unangenehmen nachbarn gedacht, den man alle tage leider sieht? unangenehme gedanken infolge rekrutierung?
"gefühl, dass jemand ihre gedanken beeinflussen kann?".
tja, eigentlich, ja. oberwehrtestungspsychodingsbummser versuchen es immer wieder. kriegsminister auch. überhaupt der bundesrat: ‚politik, die sich zum ziel setzt, die welt zu verbessern, ist illusionär.'


www.schandfleck.ch 3/00 botschaft des bundesrats zur gsoa-armeeabschaffungsinitiative


"selbstvorwürfe wegen bestimmter dinge"
wunderbar, ein alter guter genitiv. haben doch glatt eine präzise antwort verdient für diese leistung, die psychomanen von der front, pardon, psychomannen:
‚ein wenig!'
oder doch schon ‚mässig'?
je nach fönlage und migräne am besten, aus dem augenblick heraus, nicht lange überlegen, das wird einem sowieso ans herz gelegt, hier beim getestetwerden wie ja überhaupt in der armee. nur die migräne dann auch weiter vorne oder hinten angeben, unter diesen hunderten von fragen, aufpassen, wo nach körperlichen symptomen gefragt wird. es gibt kontrollfragen! sonst merken die noch, dass man bescheisst. dann kommt am ende ein zu hoher zahlenwert heraus, und man fällt auf als ‚falsch positiv'. die sind ganz schön clever beim militär, jaa.
"sich eingeengt und gefangen fühlen"
die haben humor, wo leben wir denn? in der putzigen kleinen schweiz, die ihre bürger weder überwacht noch kontrolliert noch bevormundet, wo alles streng ohne hierarchien abgeht, vor allem an den sonnenbeschienen arbeitsplätzen, an denen ein gutgelauntes, fröhliches volk aus freien stücken tagtäglich werkelt und hantiert. menschenrecht auf arbeit!
"beunruhigende gedanken über sexuelle dinge"
ei der dauss, jetzt wirds aber ganz schön konkret. das möcht ich doch hoffen. so missionarsstellung ist ja auf die dauer auch etwas langweilig. oder denk ich schon volksschädigend? sexuelle dinge sind doch immer beunruhigend, aufregend, gerade, wenn er stehen soll. oder hat man seiner familie nicht zu erklären getraut, man fühle sich schwul oder so? auffallen, hier, mit der antwort, oder kuschen? man hat schon das gefühl, krank und behandlungsbedürftig zu sein, wenn man diese fragen nur liest.
"denken sie nicht lange über einen satz nach, sondern geben sie die antwort, die ihnen unmittelbar in den sinn kommt."
1. ich habe die anleitung gelesen und bin bereit, jeden satz offen zu beantworten (ankreuzen stimmt oder stimmt nicht);
2. ich gehe abends gerne aus;
3. ich habe (hatte) einen beruf, der mich voll befriedigt;
4. ich habe fast immer eine schlagfertige antwort parat;
22. ich bin der ansicht, die menschen in den entwicklungsländern sollen sich zuerst einmal selbst helfen;
also irgendwie wird ja die antwort einem positiven oder negativen wert zugeordnet werden müssen - enstprechend der gemeingültigen asylpolitik? 27: ich neige dazu, bei auseinandersetzungen lauter zu sprechen als sonst. hoppla! ein kandidat, wers mit ja beantwortet, fürs weitermachen. 40% der probanden werden nämlich fürs weitermachen vorgemerkt. zweites ziel der ‚testung' ist aber auch, 15% der leute wegzu'selektionieren'. wie wärs zum beispiel mit frage 50: " wenn ich zuflucht zu körperlicher gewalt nehmen muss, um meine rechte zu wahren, tue ich es."
psychopat oder kampfsau?
und welcher dumme mensch wüsste nicht zu lügen, wenn ihm eine antwort pässlich erscheint?
"es hängt hauptsächlich von mir ab, ob sich andere menschen nach meinen wünschen richten oder nicht".
richtig oder falsch? vor allem im militär! aufgepasst, kleiner, wirst vorgemerkt, wenn du das zu sehr bejahst.
"ob ich einen unfall habe oder nicht, hängt alleine von mir und meinem verhalten ab."
deutsch für fortgeschrittene: dann haste ihn eben schon! hilft nur noch wegzaubern!
was ankreuzen? sehr falsch, diese aussage, doch nur falsch oder eher falsch? sechs kreuze möglich, bis zu sehr richtig. und alles schnell ausfüllen, nicht nachdenken!
und wie zum hohn darauf:
"mehrdeutige situationen mag ich nicht, da ich nicht weiss, wie ich mich verhalten soll."
naja, denn immer schön der suggestivkraft nach, wird schon reichen, um im kriege abgeschossen zu werden!
und so funktioniert die kontrolle: frage 2 dieses blocks:
"zufällige geschehnisse bestimmen einen grossen teil meines lebens und alltags."
frage 13 lautet:
"vieles von dem, was in meinem leben passiert, hängt von dem zufall ab."
von dem!
21: "es ist reiner zufall, wenn sich andere menschen einmal nach meinem willen richten."
"ob ich einen unfall habe oder nicht, hängt in starkem masse von dem verhalten anderer ab."
und meine antwort von dem beurteilungsvermögen. und von dem reflex.
was denken sich eigentlich diese seelenklempner? jeder hund wirft sich auf den knochen, dem man ihm zuwirft und wedelt freudig mit dem schwanz? den menschen erreiche man durch zubellen kurzer fragen, die mehr offenlassen als klarmachen? da muss man aber viel konvention gefressen haben, um nur darauf eingehen zu wollen. hundert verkehrsregeln kleinkarierten umgangs miteinander. das denken und fühlen schon längst vergessen haben. communication is life!
alle fragen muss man beantworten, wird mehrmals klargestellt, bei jedem neuen frageblock.
dem schnüffelstaat unters mikroskop gefallen.
"wenn ich durch irgend etwas oder irgend jemanden beeinträchtigt, innerlich erregt oder aus dem gleichgewicht gebracht worden bin", das ist alleine schon eine testreihe, pardon, testungsreihe mit 114 fragen. unglaublich, wie vielfältig doch menschen reagieren können, und bei jeder vorgekauten antwort ist ein kreuzchen einzutragen, 5 grade der abstufung, von gar nicht bis sehr wahrscheinlich. klar, ‚gar nicht' kann man schon wissen. ‚sicher ja' kann man ja nie vorher sagen, wenn zum beispiel einer mit der knarre vor einem steht oder wenn man den befehl erhält, eine echte handgranate in eine gruppe echter menschen zu schmeissen.
wenn mich also jemand stark erregt:
"möchte ich am liebsten nicht an die zukunft denken."
was bedeutet jetzt die antwort ‚gar nicht'?
es ist gar nicht richtig, dass ich, wenn ich durch irgend etwas oder irgend jemanden beeinträchtigt, innerlich erregt oder aus dem gleichgewicht gebracht worden bin, am liebsten nicht an die zukunft denken möchte?
oder aber ist es sehr wahrscheinlich, dass ich, wenn ich durch irgend etwas, einen umstürzenden baum, eine geiselnahme in peru, einen verliebten blick aus meerblauen augen innerlich aus dem gleichgewicht gebracht worden bin, oder durch irgend jemanden, einen clown, einen kampfhund, der auf mich einspringt, eine schulmeisterliche ohrfeige, oder beeinträchtigt worden bin durch strenge arbeitszeiten, zuwenig geld oder einen diktatorischen wohnungsvermieter, also aus dem gleichgewicht, dass ich, wenn durch irgend etwas, an die zukunft erregt werden möchte. oder wie war das genau? und schnell, presto presto, nicht lange nachdenken, das erstbeste nehmen!
also, das sind alles alberne fragen, von menschen ausgetüftelt, die sich nicht einmal die mühe nehmen, zuhören zu wollen. wenn die zufällig einen unter den 15% herausfischen, die sie eh weg'selektionieren' wollen, der tatsächlich ein kranker mensch ist, dann hätte man das sowieso gemerkt, wenn man ihn nur angeschaut und mit ihm gesprochen hätte. das ist normale, gesunde psychologie. kranke nicht zu erkennen und aus gesunden kranke zu machen, schafft man nur mit einem psychologie- oder psychiatriestudium. und allenfalls als militärischer vorgesetzter durch rumbrüllen, arschtreten und festbinden. alles militärischer alltag. und ziviler.
"ich habe manchmal hässliche bemerkungen über andere menschen gemacht."
mögliche antworten: stimmt genau; stimmt überwiegend; stimmt etwas; stimmt gar nicht. also wenn du schon zweimal im leben eine hässliche bemerkung über wen gemacht hast, dann reden wir schon in der mehrzahl von hässlichen bemerkungen, stücker zwo. und wenn sie eben hässlich waren, stimmt das genau. oder wie meinen? manchmal bezöge sich auf mehrere male? wieviel ist oft? so in einem neunzehn- oder zwanzigjährigen leben? vielleicht waren sie aber nur ‚etwas' hässlich, die bemerkungen. was wären ‚etwas' hässliche bemerkungen? etwa: die jungs von der psychotruppe und ihre angst vor sich selbst? ist das eine ‚etwas' hässliche bemerkung? oder wäre der satz so zu verstehen, dass ich nur ‚etwas' jemand bin, der manchmal, so von zeit zu zeit, aber immer wieder hässliche bemerkungen.....
wer besässe die fantasie, sich vorzustellen, was solch unpräzise fragen alles für interpretationen, so auf die schnelle, wie verlangt, provozieren? gings nicht etwas deutscher? die unklarheit solcher fragen steht in direkt-proportionalem verhältnis zur zufälligkeit der bewertung, da viele diese fragen mit recht anders verstehen werden, als sie gemeint sind. weil man sowieso nicht herauskriegt, wie sie gemeint sind und sich also irgendwie nach gutanerzogenem inneren schema richtet. da gehörte man dann zu den ‚normalen', ‚geistig' gesunden, auch vom geist ist irgendwo in diesen testreihen nämlich die rede, von ‚geistiger gesundheit' nämlich. der hl. geist der konvention!
"ich habe das gefühl, dass meine gedanken überwacht werden."
wem wärs zu verdenken? ihr könnt getrost mit ‚stimmt genau' antworten! ihr füllt ja die testung gerade aus!
"manchmal kommt mir ein teil meines körpers kleiner vor, als er tatsächlich ist."
tja, wie tatsächlich ist die grösse von teilen meines körpers? zum beispiel von ganz speziellen teilen? wie klein kommt er dir noch vor, wenn er nicht stehen will? brauchst nicht mal zu lügen, mit ein bisschen fantasie und gutem erinnerungsvermögen sind da immer diverse antworten möglich. stimmt eigentlich jede antwort ‚etwas', kommt drauf an, wie mans nimmt.
"ich habe vieles von meinen gewohnheiten einfach vergessen".
ich bin doch nicht vergesslich! oder doch, früher hab ich in die windeln geschissen und weiss gar nicht mehr, wie wohl mir dann zumute war...
offiziell ist über diese ganze geschichte zu lesen, die armee übernehme mit der durchführung dieser "psychiatrischen musterung" eine zentrale stellung hinsichtlich der öffentlichen, geistigen gesundheit. das komma zwischen öffentlich und geistig lässt tief blicken: nicht die öffentliche geistige gesundheit nämlich, ohne komma mit betonung des wortes geistig (nebst medizin-psychologisch-psychiatrisch), sondern die öffentliche, geistige gesundheit, also sowohl als auch. irgendwie scheint das zu passen. die öffentliche gesundheit. die öffentliche wahrheit. der öffentliche sprachliche mainstream. immerhin, hohe, hehre ziele! oder liesse sich sagen: die verdrehung des geistes, bis er ‚öffentlich' tickt, beginnt halt schon früh und endet hier nicht. und hört in der rs nicht auf und fördert den krieg.
seit diesem jahr gilt also dieser fragebogen ‚zu psychosozialen ressourcen und belastungen' nebst dem ‚intelligenztest 95', dem ‚leadership-fragebogen' und der ‚testbatterie für motorfahrerselektion' (nur für fahrer). ab nächstem jahr werden noch hinzukommen: ‚textverständnistest', ‚interesseninventar', ‚persönlichkeitsfragebogen', ‚merkfähigkeitstest'. das ziel ist es, bei etwa 40% der militärdiensttauglichen eine kaderempfehlung zuhanden des schulkommandanten abgeben zu können. wers nicht glaubt, lese selber nach, irgendwo in den zwei artikeln unter:


www.saez.ch (archiv 2003 nr. 8: rekrutierung xxl, frey, huber, lupi)
www.saez.ch (archiv 2003 nr. 14: rekrutierung xxl, boss, vetter, frey, lupi)

dort, irgendwo, steht auch das treuherzige wort: ‚die oben geschilderten tests sind aufwendig und teuer. diese investition lohnt sich dann, wenn dadurch die selektion der zugelassenen (!) rekruten besser und die entlassungszahlen aus den rekrutenschulen mittelfristig kleiner werden.'
kleine viehschau also - wer rentiert, wer nicht?
‚aus finanzieller sicht werden dadurch personelle und infrastrukturelle einsparungen auf den waffenplätzen möglich sein, und die volkswirtschaftliche belastung , die durch die arbeitslosigkeit der entlassenen rekruten entsteht, kann vermindert werden.'

und so kann unsre gute alte armee unsern frieden erst noch kostengünstig schützen.
abtreten!


links ¦ artikel

über einen zivildiensteinsatz in cochabamba, bolivien > johannes künzler

gefunden: ein "kommunikator" -

interview mit adrian aeschlimann, informationsbeauftragter des buwal und langjähriger redaktor bei der zeitung der bund


in der zeit vom dezember 1999 bis ende mai 2000 hat adrian aeschlimann in cochabamba, bolivien, zivildienst geleistet. während die auf 2500 meter über meer, am anden ost-abhang gelegene, drittgrösste stadt bolivens (zwischen einer halben und einer million einwohner) zuweilen im smog versinkt, ist ihr umland sehr grün und fruchtbar.
bolivien ist, neben paraguay, das einzige südamerikanische binnenland, was nicht zuletzt auch ein grund ist, dass bolivien zu den ärmsten ländern des kontinents zu zählen ist. es leben dort cirka 95% indios - indigenas, wie man ihnen sagt - und mestizen. regiert wird das land fast ausschliesslich von den restlichen 5% der einwohner, d.h. von der weissen, reichen oberschicht - dabei reicht die politische couleur von rechts bis links. diese weisse schicht setzt sich v.a. aus den nachkommen der spanischen und deutschen einwanderer zusammen. viele von ihnen leben und studieren längere zeit in den usa, bevor sie als würdenträger oder firmenbosse in ihr land zurückkehren. man erkennt sie an ihrem unverwechselbaren spanisch mit starkem englischem akzent.
aber lassen wir endlich adrian aeschlimnn selbst sprechen:

johannes künzler (jy): auf nach bolivien! entführe mich doch zuerst ein bisschen in die orte und örtlichkeiten deines wirkens.
adrian aeschlimann (a.ae.): nun, mein arbeitsort war ein frauenhaus in einem vorort von cochabamba, etwa vergleichbar mit einem kaff wie ostermundigen. es herrschen dort sehr viele soziale spannungen, da die bevölkerung grösstenteils aus zugewanderten besteht, die sich ein besseres leben in der stadt erhoffen, welche aber in überaus prekären verhältnissen zu leben haben. die männer sollten arbeit suchen, oft finden sie aber keine. den ganzen tag warten sie vergebens bei den arbeitsvermittlungsstellen. dann haben sie vielleicht ein wenig geld und weil sie keine arbeit erhalten, versaufen sie dieses geld. am abend zuhause steht dann jeweils nichts auf dem tisch - woher hätte die frau auch etwas nehmen sollen... -, der mann ist betrunken, es ist kein geld mehr da, kein essen - ja die ganze teufelsspirale halt. und dann schlagen viele dieser männer ihre frauen und ihre kinder, vergewaltigen etc. solche misshandelten frauen kommen schliesslich in das frauenhaus, in dem ich gewirkt habe. dem frauenhaus angelehnt ist übrigens auch eine kinderstätte. das haus ist aus stein gebaut, einfach, aber durchaus gut, fest und zweckdienlich. da stecken ja auch westliche hilfsgelder drin, von terre des hommes deutschland und holland, weiter von der caritas schweiz und auch von japanischen und us-amerikanischen hilfswerken, und so konnte da etwas solides aufgebaut werden.
ich selbst wohnte im stadtzentrum, in einem studenten-zimmer, das mir eine schlummermutter (eine weisse) für wenig geld anbot. der bau dort ist ebenfalls sehr solide gewesen, die böden mit parkett ausgelegt und es hatte sogar eine art wintergarten.
in der stadt bewegte ich mich meistens mit den öffentlichen verkehrsmitteln, d.h. mit kleinbussen. private autos können sich nur die reichen leisten - diese jagen dann dafür in den fettesten range rovers durch die gassen...


jy: wie bist du denn eigentlich dahin gekommen, welche organisation oder stelle hat dir das ermöglicht, wie bist du an diese bzw. jene gelangt? was muss man tun, um einen zivildienst im ausland absolvieren zu können? braucht es spezielle qualifikationen, welche?

a.ae.: nun, nachdem ich wusste, dass ich zivildienst leisten konnte, fragte ich bei der regionalstelle nach, ob es eigentlich auch ausland-stellen gäbe. die antwort war ja, doch, sie hätten da auch so eine liste mit den entsprechenden angeboten. nach dieser speziellen liste muss man aber schon fragen. kurz darauf erhielt ich diese papiere und bewarb mich für zwei südamerika-projekte der caritas, für die lehrpersonen gesucht wurden - lehrer war meine erste berufsausbildung, zum journalismus kam ich dann erst etwas später. dann habe ich mich beworben, schriftlich, bei der caritas. ich konnte schliesslich auswählen, bei welchem projekt ich mitmachen wollte, entschied mich dann für das projekt in cochabamba, da dieses nicht nur auf den lehrberuf ausgerichtet war (ich hatte als lehrer praktisch kaum berufserfahrung).
für diese auslandstellen werden aber auch schreiner gesucht, zimmerleute, elektrotechniker, informatiker usw. also nicht nur in sozial-berufen tätige leute, es ist ein breites know-how gefragt.
dass sie mich genommen haben, hing von verschiedenen faktoren ab. ich denke, entscheidend war, dass ich einerseits bereits südamerika-erfahrung hatte - neun monate auf eigene faust in ganz südamerika herumgereist - und dabei auch die sprache wirklich gut erlernt habe und andererseits, dass ich damals schon ein gewisses alter (30) hatte, als ich mich für den zivildienst bewarb, und somit vielleicht auch eine gewisse 'gesetztheit' oder 'standhaftigkeit' ausstrahlte. wenn aber jemand mit abgeschlossener berufslehre und zwei bis drei jahren berufserfahrung (plus beherrschung der entsprechenden sprache) sich bewirbt, hat er sicher gute chancen, zugelassen zu werden.


jy: was waren denn ganz konkret deine aufgaben? ein tagesablauf vielleicht...
a.ae.: jeder tag verlief total anders! bevor ich dort ankam, war eigentlich noch überhaupt nicht klar, was denn meine aufgaben sein würden. es hat zuerst mal geheissen, ich könne ein wenig dem pädagogen helfen, zum beispiel beim erstellen von unterrichtsmaterialien u.ä. gut, ich trat dort ein und quasi das erste, was sie mir sagten, war, sie hätten da einen neuen computer, den aber niemand so richtig benutzen könne, und ob ich ihnen dabei vielleicht helfen könnte usw. per zufall hatte ich in den jahren vorher mit dem programm quarkxpress gearbeitet - so war dann schnell einmal klar: der aeschlimann hockt an den compi... im ersten monat beschäftigte ich mich dann vor allem mit der gestaltung einer broschüre über das frauenhaus (für die lokalen behörden), dann stellte ich auch den jahresbericht des projektes zusammen. aus dem heraus ergab sich, dass ich hin und wieder computerarbeit erledigte und später auch die leute dort schulte, damit sie selber dieses programm bedienen konnten. überhaupt hatte es dort eine menge technischer geräte, und ich war dann sozusagen der zuständige für all diese apparaturen. da bin ich also sage und schreibe drei wochen durch cochabamba gelaufen, bis ich zu einer ersatzglühbirne für den hellraumprojektor kam! es stand dort eine kaputte videokamera herum, leider hatte einfach niemand zeit, sich darum zu kümmern. dazu vielleicht noch folgenden einschub: die hilfswerke geben recht viel geld aus für technische geräte, aber (zu) wenig für löhne, weshalb dann eben diese gerätschaft weder richtig gebraucht noch gewartet werden kann - eigentlich ein bisschen verkehrt.
ein anderes 'standbein' war das fotografieren. schon lange machte ich bilder für mich und die zeitung, bei der ich früher arbeitete. es kam also, dass ich viel fotografierte im und für das frauenhaus: dokumentarisches, aber auch stimmungsbilder und schnappschüsse. daneben gab ich zudem fotokurse für die bewohnerinnen und die mitarbeitenden. diese mussten ja immer wieder dokumentieren, was sie taten.
des weiteren übernahm ich, so gut es ging, die aufgabe des "kommunikators" zwischen den verschiedenen stellen dieses projekts, das übrigens den namen infante trug bzw. trägt. mit der zeit hiess ich sogar so: der "kommunikator".


jy: was findest du zur entlöhnung im zivildienst? (wurde das flugbillett bezahlt?) warum will unser reicher staat solche arbeit - in den meist ohnehin stiefmütterlich behandelten bereichen wie ausland, kultur, bildung u.ä. - nicht voll entschädigen, zumal ja in der regel qualifizierte arbeitskräfte am werk sind?

a.ae.: nun, ich habe so viel verdient wie ein soldat, wenn er in den wk geht bzw. was er vom arbeitgeber erhält - ich hatte also, man darf es fast nicht laut sagen, in diesen sechseinhalb monaten (einen monat lang verarbeitete ich dann die ganze sache noch in der schweiz, in luzern auf dem büro der caritas) den vollen lohn, dies dank dem goodwill des damaligen arbeitgebers, der soldaten und zivis zu 100% weiterbezahlt(e). das flugbillett wurde mir bezahlt, ja, von der caritas, so auch der sold. auf das geld für kost und logis verzichtete ich, verdiente ich doch im verhältnis zu den leuten dort so viel (wie ein minister unter präsident banzer offiziell), dass ich mich nicht dafür hatte, dem infante-projekt auch noch auf dem portemonnaie zu hocken.
in diesem sinne galten die von dir geschilderten verhältnisse für mich nicht. ich weiss aber, dass es auch anders laufen kann, was mir nicht so behagt.


jy: was denkst du zu einem zivildiensteinsatz in südamerika im zusammenhang mit den stichwörtern entwicklungshilfe, mission, (kultur-)imperialismus, globalisierung ?

a.ae.: ja, was soll ich sagen, es war für mich persönlich zuerst einmal einfach eine sehr wertvolle erfahrung, dieser kulturaustausch. es sind aber schon auch kritische fragen aufgetaucht, etwa, ob man nicht den jeweiligen staat, in dem man solche programme durchführt, zu sehr aus der verantwortung entlässt. das ist eigentlich so die hauptdiskussion gewesen. dennoch denke ich, dass bei projekten dieser art die positiven aspekte überwiegen. man, d.h. die hilfswerke und auch die offizielle politik der schweizerischen entwicklungshilfe, versucht schon, die jeweilige basis zu stärken und schwung in die bewegungen von unten zu bringen. unterstützt werden in den meisten fällen nicht-regierungs-organisationen. ich finde das auch gut, dass die schweiz solche organisationen unterstützt. gewissen leuten ist das natürlich ein dorn im auge, wenn sie sehen, dass da eher der seite der so genannten globalisierungskritikerInnen geholfen wird.


jy: konnte da der rechten politik in der schweiz ein schnippchen geschlagen werden?

a.ae.: schnippchen ist vielleicht zu viel gesagt, ich denke, die, denen das nicht gefällt, wissen gar nichts über diese leistungen. aber widersprüchlichkeiten treten natürlich schon auf in der ganzen sache: wenn man denkt, dass caritas ein christlich-katolisches hilfswerk ist, sich vorstellt, wie ältere jumpfern im geiste und sinne der mission ihr erbe der caritas vermachen... aber es sind da ja auch sehr viele gelder des bundes drin. den missionsaspekt habe ich selber eigentlich kaum gespürt. die frühere caritas bolivien soll aber schon versucht haben, die fehlgeleiteten heiden zu bekehren. heute, würde ich sagen, hat man sich recht gut arrangiert, d.h. die religionen - katolizismus und indio-religionen - haben sich im laufe der zeit auch vermischt, gewisse christliche elemente (namen für gottheiten) wurden übernommen bzw. an der oberfläche gewissermassen aufgepfropft, andere nicht. andererseits hat der bolivianische katolizismus nicht etwa etwas revolutionäres im sinne der befreiungsteologie an sich. da läuft die sache schon sehr konform und regierungstreu. als ich einmal zwei wochen mit einer caritas-verantwortlichen andere programmplätze in bolivien besichtigen ging, kam ich auch mit den jeweilig obhütenden bischöfen in kontakt - das waren sehr römisch-traditionelle anlässe.
ein wesentlich grösseres agressionspotenzial scheinen mir aber in letzter zeit die protestantischen gruppen aus nordamerika entwickelt zu haben, z.b. die zeugen jehovas - und dann auch die mormonen, die wie hier in anzug und kravatte von tür zu tür ziehen.


jy: zurück zum tema ziviles und militärisches: wie hast du das militär von/in bolivien wahrgenommen? hast du überhaupt welches gesehen? wenn ja, wie hat das ausgesehen?

a.ae.: ich habe davon einiges gesehen... es war irgendwie paradox, ich wollte in meinem land dem militär entfliehen und landete in bolivien mitten in einem, auch militärisch ausgetragenen, konflikt. als ich drüben war, ereignete sich in cochabamba gerade ein volksaufstand gegen die privatisierung der gesamten wasserversorgung. das grundwasser, die leitungen, jeder brunnen und die bäche quasi auch sollten an eine us-amerikanische firma verkauft werden. immer wieder gab es demonstrationen und strassenblockaden. schon damals übrigens war evo morales, ein nicht-weisser politiker und starker vertreter der sog. cocaleros, recht gut bekannt und sorgte mit seinen aktionen und denen seiner anhängerInnen für aufsehen. diese aufständischen aktionen wurden mit aller härte von polizei und v.a. militär niedergemacht. neben den bekannten mitteln wie tränengas und gummischrot wurden auch scharfschützen eingesetzt - es gab auch tote. ich selbst habe mich nicht aus dem haus getraut, habe drinnen aber viel radio gehört. diese (lokal-)radios übrigens gaben auch hin und wieder die meldung durch, sie würden jetzt dann gleich abgestellt, die armee stehe direkt vor der tür. des weiteren patroullierten zu dieser zeit viele soldaten durch die stadt. das waren sehr junge männer, z.t. angekarrt aus anderen städten, die nichts mit den konflikten hier zu tun hatten. ja, es war also 'schon noch so strub', beängstigend auch. hin und wieder hörte man wieder von der verschleppung von gewerkschaftern oder bauernführern.


jy: und: was sprach die bevölkerung dort über das militär? was hielten die leute von deinem einsatz als zivildienstler?

a.ae.: die sache ist zwiespältig. auf der einen seite wird die armee selbstverständlich als verlängerter arm der korrupten regierung, als unterdrückungsmaschinerie gesehen. auf der anderen seite gibt es keine fundamentale infragestellung des militärs, also es käme niemandem in den sinn, über die abschaffung der armee eine abstimmung zu lancieren - schliesslich gibt es da den bösen chilenen im süden und den mächtigen brasilianer im norden... das ist eigentlich verrückt! im gundsätzlichen glauben die menschen dort an die demokratie und daran, dass sie ein mitbestimmungsrecht haben, was ihre opposition vielleicht schon etwas mässigt.
mir als zivildienstler schlug eher eine art gleichgültigkeit entgegen. man fand das schön und gut, dass ich hier war, interessierte sich aber nicht so sehr für meine motive, weshalb ich überhaupt hierhin gekommen bin. vielleicht ist die zivildienst-diskussion eine wohlstandserscheinung, ich weiss nicht.


jy: kehren wir zurück in die schweiz und ganz an den anfang deiner zivi-karriere: wo ging denn eigentlich dein weg durch die instanzen durch? wie lautete, ganz grob, deine argumentation im gesuch um zulassung zum zivildienst? aus welcher militärverweigerer-ecke kommst du?

a.ae.: als bub aus dem emmental, lieb, unkriegerisch, aber in angst davor, es würde mir ein beruflicher nachteil daraus erwachsen, wenn ich nicht ins militär ginge, rückte ich 1989 in die rs ein. der teufel wollte es, dass ich ein zu umgänglicher und zuverlässiger typ war und ich zum weitermachen verdonnert wurde. ich absolvierte also halt - auch da ohne gross widerstand zu leisten - die verdammte uo, im jahr später machte ich noch einen wk, und von da an begann ich damit, alle militärdienste zu verschieben. ich hatte zu dieser zeit einen chef, der mir schöne zeugnisse schrieb. die erste grosse reise nach südamerika fiel ebenso in diese periode. als um 1995/96 die zivildienstfrage einigermassen geregelt war, habe ich umgehend (1997) ein gesuch eingereicht. im januar 1998 wurde ich zur anhörung zitiert. nun, ich argumentierte zum ersten mit meinen ewigen verschiebungen (wegschieben der 'pflicht', die für mein gewissen nichts als negative folgen zeitigte). zum zweiten - eine pazifistische schiene - verwies ich auf meine erfahrungen in südamerika (kolumbien), wo ich das militär als direkte tötungsmaschinerie erlebte. zum dritten gab es noch ein politisches geleise: ich versuchte aufzuzeigen, inwiefern eine politische haltung aufs engste mit dem gewissen verknüpft ist.
im grossen und ganzen war es eigentlich eine politische argumentation, die ich aber als gewissenskonflikt darstellen konnte. ich betrachte mich als politischen dienstverweigerer - ich hatte in diesem falle einfach das glück und/oder die erlernte fähigkeit, mich gut auszudrücken zu können.


jy: ich rede gern vom zivildienst als volkserziehung bzw. maschinerie zur einordnung junger, wilder männer in die auf hierarchien ausgelegte disziplin der hiesigen arbeitsunverhältnisse. entdeckst du im fall von deinem zivildienst diesbezüglich gewisse affinitäten - oder bist du der meinung, du konntest dich dem entziehen?

a.ae.: ich bin der meinung, ich hätte mich dem entziehen können. weil gell, wenn du schon zehn jahre gearbeitet hast, da bist du einfach in diesem hierarchischen system der hiesigen arbeitsverhältnisse eingegliedert. ich empfand dann meinen zivildienst mehr als ausgliederung! sechs monate in einem ganz anderen umfeld zu leben, neue sachen und verhältnisse kennen zu lernen, das empfand ich nicht als einengung. und gegenüber dem strengen system der militärischen hierarchien, dünken mich die hierarchien im arbeitsleben doch nicht so schlimm, zumal man am arbeitsplatz in der regel eindeutig mehr mitspracherecht besitzt denn als soldat im militär. ich finde, du bist da schon recht fundamentalistisch in deiner gesellschaftskritik (nein, nein, versteh mich nicht falsch, das ist auch gut!). wenn ich an die südamerikanischen verhältnisse denke, dann dünken mich die hiesigen eben doch fast paradiesisch.


jy: zum schluss: kannst du den zivildienst in bolivien oder sonstwo im ausland weiter-empfehlen?
a.ae.: ja, unbedingt!


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militia helvetica - über den zustand der schweizerischen verweigerer-szene >daniel costantino

totalverweigerung existiert in der schweiz nicht. null und nichts davon. kein noch so scheues randgrüppchen, das sich in verschworenem kreise dieser frage widmete, keine kleinstpartei in irgendeinem kanton, einer abgelegenen gemeinde, verspottet und verlacht, keine anti-irgendwas-publikation minimalster auflage, die im entferntesten einer totalverweigerung das wort redete. vielleicht, dass der begriff hie und da im passiven wortschatz einer friedensbewegten seele oder eines revolutionsbrünstigen polittieres herumgeistert, als ein germanismus sozusagen, vor dem man scheu abstandhält, darauf bedacht, sich ja nicht damit zu infizieren. zu extreme zielsetzung, zuwenige anhänger in sicht, irgendwas solle und müsse schliesslich doch auch jeder noch tun - das in etwa die gängigsten schablonen, spreche ich das tema in armeeabschaffer-zirkeln an. dabei gibt man sich zweifellos modern und aufgeschlossen, dezidiert links undsoweiter, und zum zeichen, dass man sich überhaupt nicht mehr wie die altvorderen in igelstellung vor der aussenwelt und dem ausland abkapsle, übernimmt man doch auch dann und wann, wenns den eigenen zielen förderlich erscheint, so ein schlimmes teutonisches wort: kriegsdienstverweigerer aus gewissensgründen! so heisst die sache nun seit neustem auch bei uns und bedeutet, sich möglichst aktiv und einmaljährlich oder bei günstigen winden auch zweimal politisch zu wort zu melden und unserm parlament zu hinterbringen, es hätten jetzt alle, aber auch wirklich alle gewissensgründe zu gelten bei... der zulassung zum zivildienst. soweit klappt die vernetzung sogar unter den verschiedenen sprachgruppen hierzulande, wenn auch fast nur gerade hier: die tessiner sprechen von obiezione di coscienza, die romands von objéction de conscience, und alle meinen damit und bitten um ihr recht, zivildienst leisten zu dürfen: nur obiezione und objéction ohne zusatz - das begreifen sie nicht und zucken die achseln. vor ein paar jahren schrieb ich über die geschichte folgendes:

es sieht so aus, als sei im oktober l996 mit einführung des zivildienstes der gute alte dienstverweigerer von linkem schrot und korn nach langem, tapfer ertragenem leidensweg, jedoch unerwartet rasch, entschlafen. in tiefer trauer gedenken wir seiner aufrechten haltung wie seiner standfesten gesinnung, die es ihm selbst im todeskampf verbot, klagelaute von sich zu geben. ohne windungen und zuckungen hat er hingenommen, dass die gewissensprüfung urständ feierte wie seit dem kalten krieg nicht mehr, dass die dauer des zivildienstes aufs anderthalbfache des militärdienstes angehoben wurde und dass die strafen für etwaige zivildienstverweigerung, nota bene von militärgerichten verhängt, einiges höher ausfallen als zu seiner zeit, als er als schlichter dienstverweigerer noch aussicht hatte, mit ein paar wenigen monaten davonzukommen. da hat er wie der heiland am kreuz zum himmel emporgeschaut und das zeitliche gesegnet, will heissen: er ist aus allen statistiken und bilanzen verschwunden.

und dabei ist es geblieben. ich habe seither in meiner tätigkeit auf der militärverweigerer-beratung in bern einen einzigen menschen erlebt, der sich geweigert hat, ein zivildienstgesuch zu stellen oder als alternative zum psychiater zu gehen. in früheren jahren wäre er, da er schon den grössten teil seines militärdienstes geleistet hatte, noch etwa zu einem monat knast verurteilt worden - nun erhöhte das gericht die strafe um zwei monate auf drei. strafverschärfend, fanden die militärrichter, komme hinzu, dass er keinen zivildienst leisten wolle. würde einer den gesamten militärdienst von anfang an verweigern - rekrutenschule 21 wochen, danach wiederholungskurse, insgesamt mindestens 260 diensttage, falls man das glück hat, gewöhnlicher soldat bleiben zu dürfen und nicht gezwungen wird, einen höheren grad auszuüben - verweigerte einer also von anfang an, so muss er nach meiner einschätzung mit mindestens einem jahr gefängnis rechnen (den psychiater mal beiseitegelassen, der einen in so einem falle liebend gerne krankschreibt; in andern fällen allerdings immer unwilliger). es kann natürlich vorkommen, dass ein militärverweigerer zivildienst leisten möchte, aber nicht zugelassen wird, weil die (‚zivile') kommission findet, er habe keine ausreichend etisch-moralischen gründe. lässt ers dann auf eine gerichtsträchtige verweigerung hinlaufen, ohne einen psychiater zu konsultieren, nicht einmal auf druck der uniformierten richter, spricht ihm das gericht mildernde umstände zu und senkt die strafe um drei monate, je nachdem, ob er sich vor gericht untertänig genug verhält oder nicht. das macht dann in einem vor etwa drei jahren berühmt gewordenen fall noch fünf monate, ausgehend vom früheren standart 8 monate, der vor einführung des zivildienstes schon galt, selbstverständlich unbedingt zu vollziehen. die offizielle verweigererszene hat dies auch gebührend ausgeschlachtet und publizistisch, mit allerlei politaktionen und eingaben, medial breitgeschlagen, instrumentalisiert, skandalisiert, um über den schatten ihres eigenen mutes zu springen und herumzuposaunen, die gewissensprüfung für zivildienstwillige sei abzuschaffen - kein wort von der abschaffung des zivildienstes, die unter der rubrik wehrpflicht läuft. gegen die natürlich auch nichts.

unkritisiert auch die voreingenommenheit mancher gewissensprüfer und -innen der zivildienstkommission, überwiegend akademische leute in gehobener stellung, nebenamtlich, mindestens wenn männlichen geschlechts, als offiziere allesamt in der armee tätig oder tätig gewesen. aversionen gegen buddhisten, freidenker, esoteriker bei gleichzeitigem denkmalschutz für bekennende christen, stete ‚ausweitung der kriterien' und nachschulung der kommissionsmitglieder, was nichts anderes heisst, als dass zwar das liberaler tönende zivildienstgesetz beibehalten wird, aber die verordnungen dazu ständig verschärft werden, so dass längst nicht mehr nur schlicht, wie im gesetz verlangt, ein ‚gewissensentscheid' vorliegen muss, sondern nun ein ‚gewissenskonflikt', eine ‚sollensforderung, die absolute, kategorische bedeutung hat.' mit ein bisschen erbsenzählerei lässt sich jeder antragsteller ablehnen. weil man die zivildienstler aber schliesslich braucht als billige arbeitskräfte im ständig teurer werdenden sozialbereich, kann man einfach jene aussortieren, die dem staat nicht in den kram passen, und sie härter drannehmen bei der ‚anhörung'. es muss nur darauf geachtet werden, dass die zulassungsquote erreicht wird, was seit hundert jahren in diesem land kein problem ist - schon die militärgerichte, die vorher alle militärverweigerer abgeurteilt hatten, haben sich stets daran halten können. geändert haben sich mittlerweile also nicht die gewissensprüferei und auch nicht das anforderungsprofil an ‚moralische normen', sondern einzig die quote. wes geistes kind die ganze chose ist, lässt sich vielleicht gut an einer kleinen anekdote zeigen: als vor ein paar jahren einer der gewissensprüfer selbst ein gesuch um zivildienst einreichte, wurde ihm postwendend von der ‚zentralstelle zivildienst' erwidert, es hätten einige kommissionsmitglieder grosse mühe, weiter mit ihm zusammenzuarbeiten. man bitte ihn, freiwillig aus der kommission zurückzutreten, andernfalls drohe ihm ein absetzungsverfahren. der mann hat gekündigt.

der widerstand wird also einerseits von der psychiatrie geregelt, tausende beschreiten jährlich diesen weg, manche mittels neustem zwangstestverfahren bei der rekrutierung sogar unfreiwillig, andrerseits wird davon ausgegangen, dass der zivildienst schon ein schritt in die richtige richtung bedeute und die jungs zivile konfliktlösungsstrategien lernten und übten, indem sie für wenig geld in altenheimen arbeiteten oder kostengünstig den umweltmüll entsorgen hülfen.
vor rund einem jahr haben wir von schandfleck.ch - eine online-zeitung - für lärm gesorgt, indem wir den psychiatrischen rekrutierungstest publizierten. die boulevardpresse ereiferte sich über das vorgehen des militärs, etwa 500 intime fragen den stellungspflichtigen vorzulegen, das militär drohte mit einer schadenersatzklage in millionenhöhe, das parlament nahm sich der sache an undsoweiter - schliesslich gab man sich allseits zufrieden damit, dass sechs fragen, welche die sexualität betreffen, unter allseitigem protest zurückgenommen würden. es stehen aber erstens mehr als sechs fragen zur sexualität im test und die andern fragen sind genau so unerhört und indiskret, und zweitens wurden auch diese sechs nicht wirklich gestrichen, sondern umformuliert. so wird nun nicht mehr direkte anmache betrieben wie : sind sie homosexuell? sind sie bisexuell, heterosexuell? sondern es wird nun gefragt, völlig geschlechtsneutral, wie es heisst, da es ja auch frauen gebe, die zum militär wollten: hatten sie schon sexuellen kontakt mit einem mann? einer frau? keinen? ich denke, jeder weitere kommentar dazu erübrigt sich....

die militärische rekrutierung scheint das a und o helvetischer neutralitätspolitik zu sein: wer sich nicht rekrutieren lässt, wandert für ein jahr in den knast, teoretisch, denn das hat sich seit einführung des zivildienstes noch keiner getraut. ein einziger, verlautet aus dem kriegsministerium, das selbstredend verteidigungsdepartement heisst, ein einziger habe sich bisher geweigert, den psychiatrietest auszufüllen. man habe ihn aus psychiatrischen gründen laufenlassen. - na ja. es wird ja sogar ein mörder vor gericht noch das recht haben, zu seiner sache zu schweigen und nichts nachteiliges über sich auszusagen....

will einer zivildienst leisten, muss er erst als militärdiensttauglich rekrutiert werden, sonst läuft nichts. und also alle tests und fragebögen ausfüllen. schnüffelstaat ahoi! psycho-test, intelligenztest, leadershiptest und was der zumutungen noch mehr sind. im ganzen ist der militärbetrieb reckenhafter geworden in den letzten paar jahren, autoritärer, sexistischer auch, eine steigerung eh schon in früheren zeiten abstrusen gebarens. es werden deutlich weniger wehrpflichtige aus ärztlichen gründen ausgemustert: waren es in den neunzigerjahren jährlich 18000 bis 20000, so sind es jetzt noch etwa 14000 - bei geburtenstärkeren jahrgängen, die gegenwärtig immer dazukommen! die dienstpflicht muss neu bis zum 30. lebensjahr abgeleistet sein, nicht mehr bis zum 42. das heisst, man hat nun praktisch alle jahre diensttage zu leisten, bis man dreissig ist, auch wird die armee immer häufiger in grosszahl eingesetzt: 4000 milizsoldaten für die skiweltmeisterschaften, als folkloristische dreingabe zum schneeschaufeln damals noch, 6000 aber fürs wef in davos und in lauerstellung gegen den bösen inneren oder äusseren feind, tausende auch wegen evian, unterstützt natürlich immer von polizisten aus allen kantonen, sogar deutsche polizei wurde schon zugezogen für solche anlässe. es wird also ganz schön tränengas eingesetzt bei uns, mit petarden werden zugabteile gestürmt, leute abgespritzt, mit gummischrot beworfen, verprügelt, verhaftet, verzeigt. dass hier das militär mitmischt, ist neu, seit den dreissigerjahren hat der staat dies bleibenlassen, weil er zu grosse proteste befürchtete. nun hat man sich bereits daran gewöhnt, jedenfalls könnten die medien in der berichterstattung zurückhaltender nicht sein. obwohl die polizei, zumindest vorläufig noch, ebenfalls in tausendschaften die drecksarbeit macht, ist die drohgebärde des militärs klar ersichtlich und militärischer waffeneinsatz scheint vorprogrammiert. - security-truppen, polizei, militär, ob folkloristische anlässe, ob politische, für botschaftsbewachungen, nächtliche kontrollgänge in den quartieren, untertags sowieso an allen öffentlichen plätzen, ausweiskontrolle, eintrittsmusterung an konzerten, rundgänge in einkaufshäusern - uniformen haben einzug gehalten in unsern alltag, seit dem berühmten 11. september, der angeblich die welt veränderte, natürlich erst recht, die schnüffelei und überwacherei floriert, der staat und mit ihm die gesellschaft sind militaristischer geworden.

eine libertäre, halbwegs anarchistische gesinnung ist kaum irgendwo auszumachen, zu sehr sind obrigkeitsdenken und untertanenmentalität hierzulande verwurzelt, darin unterscheidet sich die rechte nicht von der linken. man stösst schnell auf denkerische tabus, rücksichtnahmen, blockierung und zensur. was die schweizerischen "kriegsdienstverweigerer aus gewissensgründen", oder die "gemeinschaft schweizer zivildienstleistender", letztlich antreibt zu ihrem handeln, mag ehrenwerte gründe haben, die zustände, wie sie sind, zu verbessern, das eine oder andre herauszuschlagen, zu korrigieren - an den herrschaftsverhältnissen an sich wird nicht gerüttelt. auch die gsoa, die gruppe schweiz ohne armee, die eigentlichen "armeeabschaffer", verschreibt sich mehr einem linkspolitischen opportunismus denn einer grundsätzlichen debatte, kritisiert am militär zur hauptsache, dass es überflüssig sei. auch die ganz linken, so scheint es mir, wollen entweder befehlen oder gehorchen. dass kriege in der armut ihre wurzeln fänden, dass terrorismus dort entstehe, wo keine demokratie herrsche (herrsche!), dass die welt friedlich wäre, wenn wirklich überall wirtschaftliche prosperität und gute schulbildung einzug hielten - dieser satte glaube an kapitalismus, wissenschaft und ‚demokratie' ist überall verbreitet. dass der mensch rentieren muss, wird nicht angetastet. es wird in deutschland nicht anders sein: es ist nicht zwingend nur so, dass die macht immer von oben nach unten ausgeübt wird, möglicherweise geschieht dies sogar seltener als gemeinhin angenommen, sondern die unterworfenen üben sie untereinander ebensosehr aus. somit wirkt sie rundum und in die breite und strebt in die tiefe wie ein expandierendes raumsuchendes universum schon im kleinen und kleinsten.

oder auch, um mit einem zitat erich kästners zu enden: die menschen sind gut, bloss die leute sind schlecht.....

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